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Dr. Thomas Blume

Dialektischer Materialismus

Bezeichnung der in den Ländern des ehemaligen Ostblocks zur Staatsideologie erhobenen Weltanschauung. Der dialektische Materialismus, welcher die Philosophie des Marxismus-Leninismus bildete und in seinen Grundzügen von Marx, Engels und Lenin entwickelt wurde, speist sich im Wesentlichen aus zwei Quellen: einem auf die griechischen Atomisten Demokrit und Epikur zurückgehenden Materialismus und einer an Hegel und den deutschen Idealismus (A) angelehnten Dialektik. Ersterer bildet die Ontologie oder Seinslehre des dialektischen Materialismus, Letztere seine Entwicklungstheorie.

Unter Materialismus versteht man die Auffassung, die Welt bestehe nur aus Materie (bzw. Materie und Energie) und alle Phänomene, seien sie nun physischer oder psychischer Natur, ließen sich unter Rückgriff auf die als zugrunde liegend angenommene Materie erklären. Der Materialismus hat den Idealismus und den Leib-Seele-Dualismus zu seinen Gegnern. Ersterem hält er entgegen, dass Materie objektiv in Raum und Zeit existiere und daher kein bloßes Produkt des Bewusstseins sei. Gegen Letzteren führt der dialektische Materialismus an, dass Bewusstsein nichts anderes sei als bewusst gewordenes Sein, Materie, die sich ihrer selbst bewusst geworden ist. Auf ihrer höchsten Stufe gelangt die Materie zu Bewusstsein und wendet sich erkennend auf sich selbst zurück. Aus der antidualistischen Haltung des Materialisten folgt unmittelbar seine Widerspiegelungstheorie, durch die er das Zustandekommen von Erkenntnis erklären will. Kann ein rationalistischer Dualist wie beispielsweise Descartes davon ausgehen, dass bestimmte, die Erkenntnis strukturierende Prinzipien ihren Ort im menschlichen Geist haben, so bleibt dem Materialisten, weil er derartige Prinzipien ablehnt, nur der Griff zu einer Widerspiegelungstheorie: Bewusstsein ist nichts anderes als Widerspiegelung der Materie auf ihrem jeweiligen Entwicklungsniveau. Daher spiegelt auch das Bewusstsein einer Zeit, wie es sich in der Kunst und Literatur einer Epoche ausspricht, nur die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse wider, in der Künstler und Dichter lebten. Der dialektische Materialist ist zugleich Optimist in Hinblick auf Erkenntnis: Da die Welt nur aus Materie besteht, gibt es keinen Grund, an ihrer letztendlichen Erkennbarkeit zu zweifeln.

Zu den weiteren Grundprinzipien des dialektische Materialismus gehört die Forderung, die Welt aus sich selbst heraus und nicht etwa durch eine transzendente Ursache, wie sie ein Gott darstellt, zu erklären. Schließlich fordert der dialektische Materialist, dass die philosophische Theorie ihr Ziel in der menschlichen Praxis haben solle, dass Philosophie verändernd auf die Welt einzuwirken habe. Dementsprechend lautet die elfte These »ad Feuerbach« im Notizbuch von Marx: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.«

Aus dem Begriff dialektisch hingegen leiten sich folgende Bestimmungen ab: Dialektisch heißt einmal, dass sich alle Bestandteile von Natur, Gesellschaft und Denken in einem wechselseitigen Zusammenhang befinden und daher keines ohne das andere existieren kann oder begriffen werden kann. Alles steht mit allem in Verbindung, sodass nichts ohne das andere Bestand haben würde. Erkenntnis hat dieser universalen Wechselwirkung dadurch Rechnung zu tragen, dass sie das zu Erkennende nicht isoliert betrachtet. Weiter heißt dialektisch, dass sich die oben genannten Bereiche Natur, Gesellschaft und Denken in ständiger Bewegung befinden, weshalb keines von ihnen als fertig und vollendet begriffen werden kann. Dialektisch steht aber vor allem für das Entwicklungsprinzip des dialektischen Materialismus. Die Bewegung und Entwicklung der Materie und ihrer verschiedenen Erscheinungsformen, also Natur, Gesellschaft, Denken, verläuft nach dem Prinzip der Einheit und des Kampfes der in der Materie selbst liegenden Gegensätze. Dementsprechend wäre es falsch anzunehmen, bestimmte Entwicklungen kämen durch Zufall in Gang oder könnten sich menschlicher Willkür beugen. Um eine Theorie zur Erklärung gesellschaftlicher Entwicklung abgeben zu können, wo Phasen mit stabilen Verhältnissen auf Phasen der Instabilität folgen, nimmt der dialektische Materialismus weiter an, dass die Bewegung der Materie über lange Zeiträume rein quantitativ erfolge, sich also kontinuierlich vollziehe, ehe es (wie wenn ein Fass plötzlich überläuft) zu einem qualitativen Umschwung kommt. Derartige Umschwünge bilden innerhalb der Geschichte die so genannten Revolutionen, z. B. der als frühbürgerliche Revolution bezeichnete deutsche Bauernkrieg, die englische und französische Revolution, durch welche der Kapitalismus als herrschende Produktionsform eingeführt wurde, und schließlich die große sozialistische Oktoberrevolution, mit der das Zeitalter der sozialistischen Produktionsverhältnisse begann. Ist der durch die Revolution herbeigeführte qualitative Umschwung vollzogen, so folgt eine Phase kontinuierlicher Entwicklung, ehe die nächste Revolution, dem Entwicklungsgesetz der Materie folgend, hereinbricht. Eine Ausnahme bildet der Übergang von der sozialistischen zur kommunistischen Produktionsform, der sich allmählich und auf nicht revolutionäre Weise vollziehen sollte. Innerhalb diese Modells wird gesellschaftliche Höherentwicklung durch die Übertragung des von Hegel und Schelling übernommenen Prinzips der Negation der Negation erklärt, dem man folgende Deutung gegeben hat: Die qualitativen Sprünge, mit denen eine Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung ihren Abschluss findet und eine neue anhebt, führen nicht zur vollkommenen Beseitigung des zuvor Gewesenen: Nur die negativen Eigenschaften des vorangegangen Stadiums werden überwunden, die positiven dagegen werden beibehalten. Daher ist die Gesamtbewegung der Materie eine fortschreitende Höherentwicklung.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt