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Dr. Hartmut Pätzold

Dialektik

Methode kritischen Philosophierens, die im Verlauf der Philosophiegeschichte unterschiedliche Ausprägungen erfahren hat, deren Bewertung, je nach Standort, recht gegensätzlich ist. Während sie von den eher analytisch orientierten Philosophen als Form der Gegenwartstheologie mit Erlösungsabsichten für den pathologisch gestörten menschlichen Geist diffamiert wird, gilt sie den überzeugten Marxisten als Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens.

Wer Klarheit in die Hintergründe dieses Glaubenskrieges bringen will, tut gut daran, nach dem Herkunfts- und Geltungsbereich der Dialektik zu fragen und ihre historischen Formen nüchtern zu sichten. Dabei empfiehlt es sich, zwischen der negativen und positiven Reflexionsdialektik des Idealismus, der negativen und qualitativen Existenzdialektik Kierkegaards, der scheindialektischen Forschungslogik Poppers und den vom Materialismus entwickelten Formen der Realdialektik zu unterscheiden.

Obwohl erst Schelling die Methode des Dreischritts von These, Antithese und Synthese ausdrücklich mit dem Begriff Dialektik bezeichnet hat, kann diese Struktur der Triplizität als formales Kennzeichen aller dialektischen Denkbewegungen gelten.

Als ein der kritischen Aufklärung (A Neuzeit – Aufklärung) verpflichtetes Denkverfahren begegnet die Dialektik bereits in der Antike. Diese negative Reflexionsdialektik gewinnt ihre klassische Gestalt als Antisophistik zum Schutze der Wahrheit im sokratischen Dialog, dessen argumentierende Unterredungskunst das Ziel verfolgt, sophistische Scheinwahrheiten in den Widerspruch zu treiben und dadurch als absichtsvoll erstelltes Blendwerk vernünftelnder Verdrehung zu entlarven, mit dessen Hilfe eine anstehende Entscheidung oder Handlung im Sinne von Einzel- oder Gruppeninteressen beeinflusst werden soll.

Auf dem Boden des neuzeitlichen Idealismus gewinnt diese Form der Dialektik als transzendentale Logik des natürlichen Scheins seine neue, fundamentalkritische Dimension: Das dialektische Denkverfahren gerät als Grundgesetzlichkeit menschlich-endlichen Verstehens in den Blick. Die von Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) vorgelegte Lehre von den Antinomien macht deutlich, dass sich die menschlich-endliche Vernunft bei ihrem Versuch, Erkenntnisse über Welt, Seele und Gott zu gewinnen, unvermeidlicherweise in eine dialektische, das heißt scheinhafte und deshalb auflösbare Opposition von gegensätzlichen Behauptungen verstrickt. Als Auflösungsschlüssel dient Kant die Unterscheidung von Ding an sich und Erscheinung. So beruht zum Beispiel der in der ersten kosmologischen Antinomie vorgetragene Widerstreit zwischen der These von der Endlichkeit und der Antithese von der Unendlichkeit der Welt dem Raum und der Zeit nach auf einer dogmatischen Voraussetzung der unkritischen Vernunft, dass nämlich die Welt als Totalität aller Dinge ein für das menschliche Bewusstsein vorhandenes Ganzes sei. Dieser natürliche Schein wird durch die Einsicht zerstört, dass es Welthaftes für uns Menschen nur als prinzipiell offene Reihe von Erscheinungen gibt, die sich durch neue Erfahrungen ständig erweitert und deshalb den Sinnen weder als endliche noch als unendliche gegeben ist. Das der menschlichen Vernunft aufgegebene Ziel der Erkenntnis der Welt als Ganzes erweist sich als regulatives Prinzip für die unabschließbare Aufgabe, das Seiende (Sein) auszulegen und zu verstehen.

Die beispielhaft aufgewiesene dialektische Struktur des Selbstbewusstseins manifestiert sich also in einem Dreischritt, bei dem die den anfänglichen Widerstreit hinter sich zurücklassende Synthese einen limitativen, die absoluten Ansprüche von These und Antithese wechselseitig einschränkenden Charakter besitzt.

Die positive Reflexionsdialektik findet ihre erste Gestalt in der im platonischen Dialog Sophistes (252c–e) vorgetragenen Lehre von der Trennung und Zusammennahme der mischbaren Ideen. Die Entdeckung, dass etwas gerade dadurch es selbst ist, dass es vom anderen verschieden ist, dass also die Andersheit das Seiende in seinem Was-Sein begrenzt und erst dadurch zur Erscheinung bringt, macht alle gegensätzlichen Ideen miteinander vermittelbar.

Die Dialektik von Etwas und Anderem verfährt entweder limitativ oder spekulativ. So nimmt der von Fichte in seiner Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/1795) entwickelte dialektische Denkentwurf die Begrenztheit des menschlichen Selbstbewusstseins ernst. Die absolute Identität von Ich und Nicht-Ich, Freiheit und Natur erscheint nur als eine im unendlichen Streben annäherungsweise erreichbare Synthese, die niemals an und für sich vollbracht ist. Dagegen erneuert Hegels spekulative Dialektik, die sich in der Wissenschaft der Logik (1812–1816) vom sicheren Boden des menschlichen Selbstbewusstseins abwendet, die platonische Ideenlehre im Zeichen des sich selber wissenden absoluten Geistes. Als »Logik der Wahrheit« erhebt die Dialektik hier den Anspruch, alle Entzweiungen von Geist und Natur als Momente einer umfassenden Wahrheit begreifen zu können. Der Sprung aus der Endlichkeit des menschlichen Selbstbewusstseins in die alles miteinander versöhnende Absolutheit der Vernunftgewissheit geschieht allerdings über eine letztlich nur erschlichene Aufhebung der Andersheit des Anderen, die weder dem Endlichen noch dem Unendlichen als selbstständigen Gegensatzbestimmungen menschlicher Existenz gerecht wird und den Verdacht hervorgerufen hat, Hegels Denken sei von einem »religiösen Wahn« bestimmt. Adornos Negative Dialektik (1966) hat gegen das »affirmative Wesen« solcher alles Besondere im Allgemeinen aufhebenden Logik des Identitätszwangs schon zu einem Zeitpunkt Einspruch eingelegt, als von der postmodernen Pluralisierung der Vernunft noch lange keine Rede war.

Auch die von Kierkegaard in seiner Schrift Die Krankheit zum Tode (1849) entfalteten Formen existenzialer Dialektik verzichten darauf, menschliches Daseins und göttliches Sein denkend miteinander zu versöhnen. Die existierende Subjektivität erfährt sich im unmittelbaren Gegeneinander des Umschlagens innerer Widersprüche wie Endlichkeit und Unendlichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit als unerlöst und verzweifelt. Der Mensch wird zum Phantasten oder geht vordergründig im Alltagsgeschäft auf; er verschreibt sich der Schwermut oder dem Fatalismus. Diese negativen Erscheinungsweisen einer existenziellen Dialektik der Krise sind im Verhältnis zur Transzendenz qualitativ nur auflösbar durch die paradox anmutende Existenzentscheidung des Glaubenssprungs, mit der der Raum des Bewusstseins als der genuine Ort dialektischer Vermittlung endgültig verlassen wird.

Die voreilige Gleichsetzung aller dialektischen Argumentationsstrukturen mit der Ontotheologie Hegels hat Popper in seiner Abhandlung Was ist Dialektik? 1965 zu dem untauglichen Versuch veranlasst, die Dialektik aus ihrer seit Kant unbestrittenen transzendentalphilosophischen Verankerung zu lösen und in eine nach der Trial-and-Error-Methode arbeitende, empirisch-deskriptiv verfahrende Logik der Forschung umzuinterpretieren. Das der Dialektik entlehnte triadische Schema beschreibt dann nur noch die Aufeinanderfolge von Entwurf und Korrektur wissenschaftlicher Theorien. Der auftretende Widersprüche zwischen einer wissenschaftlichen Arbeitshypothese und neu hinzu gewonnenen Tatsachenerkenntnissen ist nach den Regeln der dem Fallibilismus verschriebenen deduktiven Forschungslogik aber nicht mehr Teil einer umfassenderen Wahrheit, sondern nur noch ein Signal für die Notwendigkeit, eine neue, brauchbarere Theorie zu entwickeln. Damit wird der dialektische Dreischritt auf eine den eigenen Anspruch zerstörende positivistische Methode der Theorienbildung reduziert.

Auch die von den Vertretern des dialektischen Materialismus entwickelten Formen der Realdialektik, die gern zur Beglaubigung der Wissenschaftlichkeit des dialektischen Denkens herangezogen worden sind, haben sich in der Auseinandersetzung, die zwischen Philosophie und Wissenschaften über die Legitimierbarkeit einer Übertragung der Struktur der positiven Reflexionsdialektik auf die natürliche und gesellschaftliche Wirklichkeit geführt worden ist, als haltlos erwiesen.

Die von Engels in seiner Schrift Dialektik der Natur (1873/83) vorgenommene dialektische Deutung der Bewegungsformen des organischen Lebens beruht weitgehend auf logischen und kategorialen Irrtümern. So wird zum Beispiel die Dreiheit von Same, Blüte und Frucht im Sinne des Schemas der Triplizität gedeutet. Das Verschwinden der Knospe im Aufblühen der Blüte und deren Vergehen in der Frucht als ihrer »höheren Wahrheit« scheinen auf den ersten Blick den daseienden Widerspruch und den qualitativen Sprung im Wachstum der Pflanze sinnenfällig zu demonstrieren. Die aristotelische Naturphilosophie und die moderne Biologie sind sich jedoch darin einig, dass diese Sichtweise einen entscheidenden Tatbestand übersieht: Die an der Pflanze zu Tage tretenden Erscheinungsformen des Andersseins sind nur unterschiedliche Eigenschaften einer sich entwickelnden Identität, die am Ende nur das wird, was sie ihrer Möglichkeit nach immer schon war.

Die Aufdeckung des Scheincharakters der materiellen Naturdialektik findet ihre Entsprechung in der impliziten Kritik, die der marxistischen Geschichtstheorie im Denken der Frankfurter Schule, vor allem bei Habermas, zuteil geworden ist. Ihr Fazit lässt sich unter dem Bild vom Stillstand der Dialektik zusammenfassen.

In seinen Überlegungen zur Kritik der politischen Ökonomie (1859) hatte Marx den ökonomischen Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen als Motor der Weltgeschichte angesehen. Der Widersinn des bürgerlichen Privateigentums, den er in der zunehmenden Verelendung des Arbeiters bei gleichzeitig zunehmender Produktion gesellschaftlichen Reichtums auf die Spitze getrieben sah, sollte den qualitativen Sprung der proletarischen Weltrevolution von der äußersten Verelendung des entfremdeten Arbeiters in den äußersten Reichtum der kommunistischen Gesellschaft möglich und zugleich notwendig machen. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass dieses Revolutionsmodell die rhetorisch beschworene dialektische Synthese gar nicht leistet, sondern in Wahrheit das Ende jeglicher dialektischen Vermittlung propagiert, die statt der Vernichtung der Kapitalisten deren Zusammenschluss mit den Arbeitern in fortschrittlicheren ökonomischen Organisationsstrukturen erforderlich gemacht hätte. Noch nachhaltiger als diese weithin undiskutiert gebliebene theoretische Selbstaufhebung der Revolutionsdialektik im marxistischen Denken hat die historische Erfahrung der misslungenen oder ganz ausgebliebenen revolutionären Praxis in den bürgerlichen Gesellschaften zur Infragestellung der materialistischen Geschichtsdialektik beigetragen und den generellen Zweifel an Fortschrittstheorien genährt, welche die Zukunft der zivilisatorischen Evolution für prognostizierbar halten.

Der Überblick über die wichtigsten Formen neuzeitlicher Reflexions- und Realdialektik gibt Anlass die Forschungshypothese aufzustellen, dass sich dialektisches Denken der Sache nach vor allem da bewährt hat, wo es sich aus der wesensgemäßen Spannung zwischen der leiblich-endlichen Existenz des Menschen und dem ins Unendliche ausgreifenden Anspruch seiner Vernunft herleitet.

A. Diemer, Elementarkurs Philosophie. Dialektik , Düsseldorf 1976

K. Gloy, Vernunft und das Andere der Vernunft , Freiburg/Br. 2001

W. Janke, Historische Dialektik. Destruktion dialektischer Grundformen von Kant bis Marx , Berlin 1977

W. Janke, Limitative Dialektik. Überlegungen im Anschluss an die Methodenreflexion in Fichtes Grundlage 1794/95 § 4 , In: Fichte-Studien. Bd. 1, Amsterdam 1990, S. 9–24

G. Schulte, Kennen Sie Marx? Kritik der proletarischen Vernunft , Frankfurt/M. 1992

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt