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Dr. Axel Spree

Dewey, John

(1859–1952): Amerikanischer Philosoph, geboren am 20. 10. in Burlington/Vermont, gestorben am 1. 6. in New York City, gilt neben Peirce und James als dritter Hauptvertreter des Pragmatismus. Er teilt, vor allem was seine Reputation außerhalb der USA anbelangt, das Schicksal seines Lehrers und Freundes James. Obwohl Dewey unbestritten zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jhs. zählt – für Rorty steht er in einer Reihe neben Heidegger und Wittgenstein –, ist er in Deutschland bis heute weitgehend unbekannt. Der Soziologe Hans Jonas spricht sogar von einer »anhaltenden Ignoranz« seiner Philosophie gegenüber und beklagt, dass kein Denker von Deweys intellektueller Größe in Deutschland kontinuierlich so stiefmütterlich behandelt worden sei wie er. Tatsächlich beschränkte sich die deutschsprachige Rezeption bis vor kurzem beinahe ausschließlich auf seine pädagogischen Schriften. Die Diskussion der jüngsten Zeit, vor allem aber das Erscheinen einiger längst fälliger Übersetzungen lassen hoffen, dass das in Deutschland neu erwachte Interesse am Pragmatismus – ähnlich wie bei James – auch zu einer verstärkten Beschäftigung mit der Philosophie John Deweys führen wird.

Deweys philosophisches Werk ist sehr umfangreich; die seit 1969 erscheinende englische Gesamtausgabe umfasst mittlerweile 37 Bände. Seine in Deutschland bis heute einflussreichste Schrift ist Democracy and Education (1916; dt.: Demokratie und Erziehung ), in der er seine Auffassung der Philosophie als einer allgemeinen Erziehungstheorie darlegt. Es folgen einige stärker philosophisch orientierte Arbeiten, in denen Dewey seine Variante des Pragmatismus, den so genannten Instrumentalismus, ausarbeitet; die wichtigsten sind: Reconstruction in Philosophy (1920 ; dt.: Die Erneuerung der Philosophie ), Experience and Nature (1925 ; dt.: Erfahrung und Natur ) und The Quest for Certainty (1929 ; dt.: Die Suche nach Gewißheit ). Die Vorlesungsreihe Art as Experience (1934 ; dt.: Kunst als Erfahrung ) appliziert die pragmatistische Denkweise auf ein scheinbar gänzlich ›unpragmatisches‹ Gebiet, die Ästhetik. In Logic: The Theory of Inquiry (1938 ; dt.: Logik. Theorie der Forschung ) fasst Dewey seine Vorstellungen von der Logik des Erkenntnis- und Forschungsprozesses zusammen.

Am Anfang der philosophischen Entwicklung Deweys stehen drei Einflüsse: Er beginnt seine Karriere als Vertreter des amerikanischen Neu-Hegelianismus, löst sich von dieser Position aber unter dem Einfluss der Evolutionstheorie von Charles Darwin und der naturwissenschaftlich orientierten Psychologie von James. Gleichwohl bleibt der Einfluss Hegels erhalten, so etwa in Deweys Konzeption der Wirklichkeit als eines organischen Beziehungsgeflechts. Von Darwin bzw. James stammt dagegen die Auffassung, dass sich diese Wirklichkeit in einem fortwährenden Prozess des Werdens befindet. Vor allem das Konzept einer ständigen Weiterentwicklung des Individuums auf der Grundlage der Interaktion zwischen Organismus und Umwelt führt Dewey zu einer Philosophie der Erziehung, die einen radikalen Bruch mit den seinerzeit gängigen Lehrmeinungen darstellt.

Deweys philosophische Position lässt sich in gewissem Sinn als Synthese der pragmatistischen Ansätze von Peirce und James verstehen, insofern als Dewey sowohl die wissenschaftstheoretischen und forschungslogischen Motive von Peirce als auch die von James akzentuierten Fragen der Moral und des Glaubens aufnimmt und in sein Konzept des Instrumentalismus integriert. Die Verbindung dieser beiden unterschiedlichen Aspekte kann jedoch auch als Reaktion auf eine Reihe wissenschaftlicher Revolutionen angesehen werden, deren Zeuge Dewey während seines langen Lebens wurde. Geboren im Jahr der Veröffentlichung von Darwins Entstehung der Arten , erlebte Dewey sowohl das Aufkommen der Evolutionstheorie als auch der einsteinschen Relativitätstheorie sowie schließlich die Zündung der ersten Atombombe und die Anfänge des kalten Krieges. Alle diese Umwälzungen hatten ihren Ursprung in wissenschaftlichen Entdeckungen; ihre nachhaltigsten Wirkungen entfalteten sie jedoch in den Bereichen des sozialen Lebens und der moralischen Überzeugungen. Vor diesem Hintergrund wird Deweys lebenslanges Interesse am Verhältnis von Wissenschaft und menschlichen Werten verständlich, das trotz mancher Wandlungen in seinen philosophischen Anschauungen sein gesamtes Werk bestimmt.

Deweys Auffassung, dass die oberste Aufgabe der Philosophie in der Überbrückung der Kluft zwischen (Natur-)Wissenschaft und Moral, zwischen wissenschaftlicher Forschung und alltäglichem Leben bestehe, bildet auch den Ausgangspunkt seiner Philosophie des Instrumentalismus. Bereits James hatte Vorstellungen, Begriffe und Theorien als ›Instrumente‹ aufgefasst, deren Wert und Nutzen nach ihrer Fähigkeit zu beurteilen war, den Menschen ›weiter zu bringen‹ und zukünftige Ergebnisse und Konsequenzen herbeizuführen. Deweys Instrumentalismus sollte eine genauere Beschreibung derjenigen Bedingungen liefern, unter denen Denken und Forschen in dieser instrumentellen Weise funktionieren. Grundsätzlich gilt, dass Denkprozesse, Untersuchungen, Forschung niemals anhand von einzelnen, isolierten Objekten stattfinden, sondern in der tatsächlichen Erfahrung immer in ein kontextuelles Ganzes, eine »Situation«, wie Dewey sagt, eingebettet sind. Zu dieser Situation zählen nicht zuletzt die Handelnden dieses Prozesses, die Menschen also, die eine bestimmte Situation wahrnehmen und aufgrund von Ungewissheiten oder Zweifeln überhaupt erst die Notwendigkeit einer intellektuellen Anstrengung erkennen. Im Gegensatz zur traditionellen Logik, die die individuellen Interessen und Bedürfnisse ausgeblendet und eine Art objektiven und zeitlosen Wissens angestrebt haben, bezieht Deweys Logik – darin Peirce folgend – die menschliche Komponente bei der Bildung von Überzeugungen und Wissen mit ein.

Als notwendigen Ausgangspunkt eines Denk- oder Untersuchungsprozesses bestimmt Dewey deshalb eine Situation, die in Bezug auf zukünftige Entwicklungen ungewiss, zweifelhaft und in pragmatischem Sinn ›offen‹ ist. Persönliche Zustände des Zweifels, die nicht in einer solchen existenziell relevanten Situation gründen, müssen dagegen als pathologisch angesehen werden. Die erste Stufe der Untersuchung besteht zunächst in der Erkenntnis, dass ein Problem vorliegt, das der Lösung bedarf. Die genaue Identifizierung und Formulierung des Problems bestimmt die Art der weiteren Untersuchung, selektiert also z. B. die Informationen oder Daten, die als relevant für die Untersuchung zugelassen werden. Der zweite Schritt besteht dann in der Bildung von Hypothesen, also von Aussagen über mögliche relevante Lösungen des Problems. Diese Hypothesen werden in einem dritten Schritt überprüft und schließlich – in einem vierten Schritt – einer Art experimentellem Test unterzogen. Kriterium für den Erfolg eines Untersuchungsprozesses ist, ob die gegebene Antwort tatsächlich eine Lösung des Problems darstellt, d. h. ob durch sie die ›zweifelhafte‹ Ausgangssituation beseitigt wurde.

Die Logik von Zweifel und Gewissheit, die Einbeziehung von unterschiedlichen konkreten Kontexten, durch die objektive und allgemein gültige Antworten unmöglich gemacht werden – all dies führt auch Dewey auf das Problem einer pragmatistischen (oder eben instrumentalistischen) Wahrheitstheorie. Im Unterschied zu James hat Dewey jedoch erkannt, dass die pragmatistische Sicht weniger dazu angetan ist, eine neue Theorie der Wahrheit aufzustellen, als vielmehr den Begriff der Wahrheit als solchen in seiner Relevanz einzuschränken und anderen, wichtigeren Begriffen unterzuordnen. Dewey vermeidet deshalb weitgehend den Begriff Wahrheit und führt stattdessen das Konzept einer »gesicherten Behauptung« (warranted assertion ) ein. Das Ergebnis eines Denkprozesses, sei es im alltäglichen Leben oder in der wissenschaftlichen Forschung, kann demnach immer nur ein Garantieurteil sein, auf das man sich nur so lange verlassen kann, bis neue Erfahrungen und Überlegungen andere Ergebnisse hervorbringen. Dagegen ist die Frage, ob etwas objektiv und für immer wahr bzw. falsch ist, aus instrumentalistischer Sicht weder beantwortbar noch relevant; es gibt lediglich unterschiedliche Grade des Gesichertseins.

In gewissem Sinn stellt Deweys Werk die Quintessenz des amerikanischen Pragmatismus dar, auch wenn er selbst eine andere Bezeichnung für seine Philosophie vorzog. In jedem Fall ist es, was die aktuelle philosophische Debatte angeht, nicht immer leicht, im Einzelnen zu unterscheiden, welche der zahlreichen pragmatistischen Motive auf eine allgemeine Renaissance dieser Richtung und welche im besonderen auf Dewey zurückzuführen sind. Während die allenthalben festzustellende Ablehnung traditioneller philosophischer Dualismen und die Hinwendung zu einem holistischen Weltbild sich sowohl bei Dewey als auch (wenngleich weniger ausgearbeitet) bei James finden, scheint beispielsweise die ›Degradierung‹ – nicht die Ersetzung – des Begriffs der Wahrheit allein eine Konsequenz des Instrumentalismus zu sein. Wenn demnach Richard Rortys Bezeichnung »Neu-Pragmatisten« tatsächlich auf Autoren wie Quine, Goodman oder Davidson zutreffen sollte, dann ist dies sicherlich eher auf den Einfluss Deweys als auf den von Peirce oder James zurückzuführen.

J. Dewey, Die Erneuerung der Philosophie , Hamburg 1989

J. Dewey, Erfahrung und Natur , Frankfurt/M. 1995

J. Dewey, Die Suche nach Gewißheit. Eine Untersuchung des Verhältnisses von Erkenntnis und Handeln , Frankfurt/M. 1998

M. Suhr, John Dewey zur Einführung , Hamburg 1994

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt