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Dr. Thomas Blume

Denken

Ein umgangssprachlich weit gefächerter Begriff. Die Palette seiner Bedeutung reicht von ›denken an‹ im Sinne von ›sich erinnern‹, über ›nachdenken‹ im Sinne von ›etwas abwägen‹ oder ›erwägen‹ bis hin zu ›über etwas so und so denken‹ im Sinne von ›eine bestimmte Meinung von einer Sache haben‹. In der Kognitions- oder Denkpsychologie bezeichnet ›denken‹ den Prozess der Informationsverarbeitung, insbesondere die Verarbeitung bildlicher oder sprachlicher Symbole. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Symbole in Form so genannter Netzwerke gespeichert sind. Diese Netzwerke weisen eine hierarchische Gliederung auf. Innerhalb eines aktuellen Denkprozesses kann auf Begriffe innerhalb solcher Gliederungen zugegriffen werden. Denken besteht jedoch nicht allein im Abarbeiten vorhandener Strukturen, sondern vor allem im Aufbau neuer Verbindungen zwischen einzelnen Elementen des Denkprozesses. Denken kann daher als kreativer Prozess verstanden werden, in dessen Verlauf neue Erkenntnisse geschöpft werden.

In entwicklungspsychologischer Hinsicht unterscheidet der Psychologe Piaget mehrere Stufen der Entwicklung des menschlichen Denkens. Auf der untersten Stufe im Kleinkindalter vollzieht sich das Denken senso-motorisch, d. h. in Form von Sinnesempfindungen und Körperbewegungen. Das Kind verfügt zu diesem Zeitpunkt noch über keinerlei sprachliche Fähigkeiten. Auf der höchsten Stufe, dem formal-operatorischen Denken, welches das Kind mit etwa zehn Jahren erreicht, verfügt es über abstrakte Begriffe, die es miteinander kombinieren kann und mit deren Hilfe es systematisch Hypothesen bilden kann. Es ist dann in der Lage, Gegenstände der Welt in seinem Denken durch Symbole (Worte oder Begriffe) zu repräsentieren. Dadurch wird es in die Lage versetzt, Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen und über Zukünftiges nachzudenken. Darüber hinaus ermöglicht das sprachliche Symbolsystem die Reflexion, das Nachdenken über sich selbst.

Im philosophischen Sprachgebrauch steht ›denken‹ einerseits für die Tätigkeit des Erfassens von Gedanken (Ideen, Begriffen, Vorstellungen), dann für die synthetisierenden Funktionen des Verstandes, schließlich für das Bilden von Urteilen und logischen Schlussfolgerungen. Eine philosophische Strömung, die man im Anschluss an Platon als Platonismus bezeichnet, betrachtet Gedanken als etwas, das sich in einem jenseitigen, nicht materiellen Gedankenreich befindet und in den einzelnen Akten des Denkens von dem Denkenden ergriffen oder erfasst wird. Der Konzeptualist (von lat. conceptus , ›Begriff‹) vertritt eine ähnliche Auffassung, nur sind für ihn die Gedanken im Geist angesiedelt und werden im jeweiligen Denkakt ergriffen. Für Kant ist Denken gleichbedeutend mit Synthetisieren, Vereinheitlichen. Im Denken werden die aus den Sinnen stammenden Vorstellungen auf Urteile bezogen. Eine Sache zu denken ist für Kant dasselbe wie sich ein Urteil über die entsprechende Sache zu bilden. Man kann z. B. wahrnehmen, wie es regnet und die Erde nass wird, man kann aber auch das Urteil ›Wenn es regnet, so wird die Erde nass‹ bilden. Tut man das Letztere, dann hat man gedacht. Die dabei zur Anwendung kommenden allgemeinen Denkformen betrachtet Kant als a priori , d. h. den jeweiligen konkreten Denkakten vorausliegend.

Im Hinblick auf die Arten des Denkens unterscheidet die philosophische Tradition zwischen intuitivem Denken (cognitio intuitiva ) und diskursivem Denken (cognitio discursiva ). Im intuitiven Denken wird ein einzelner Sachverhalt intuitiv erfasst bzw. unmittelbar eingesehen. Das diskursive Denken (von lat. discurrere , ›durchlaufen‹) durchläuft, beispielsweise bei einer logischen Schlussfolgerung in einem Argumentationsgang oder einer mathematischen Ableitung, eine Reihe von Inhalten, wobei im Idealfall jeder Einzelschritt intuitiv einleuchten sollte. Zugleich werden in einem Akt des intuitiven Denkens die ersten Prinzipien, die nicht auf diskursivem Wege aus anderen Sachverhalten abgeleitet werden können, erfasst.

Gehen antike und mittelalterliche Philosophen größtenteils davon aus, dass sich im Denken die objektiv gegebene Wirklichkeit abspiegelt, so stellen sich viele neuzeitliche Philosophen auf den Standpunkt, dass durch das Denken selbst die Wirklichkeit strukturiert wird. Der Verstand, so kann man bei Kant lesen, schreibt der Natur ihre allgemeinsten Gesetze vor. Kausale Gesetzmäßigkeit ist in erster Linie ein Verstandesprinzip, dessen sich der Mensch bei der Naturerkenntnis bedient, jedoch nichts, was in der Natur selbst vorkommen würde.

Rationalistische Philosophen wie Descartes oder Spinoza gehen von einer Unabhängigkeit und Selbständigkeit des Denkens aus, gegenüber dem die Sinnlichkeit etwas Äußerliches, Fremdes und beim Denken Hinderliches darstellt. Demgegenüber behaupten empiristische Philosophen wie Locke und Hume, dass Denken letztlich auf Sinnlichkeit beruht. Der Geist, so Locke, gleicht bei der Geburt des Menschen einer unbeschriebenen Tafel. Sinnesreize sind das Erste, womit ein Mensch konfrontiert ist. Aus ihnen leitet er allgemeine Begriffe, abstrakte Ideen ab, die den Inhalt des Denkens bilden.

Mit der Herausbildung der Psychologie am Ende des 19. Jhs. verliert der Begriff des Denkens an philosophischem Interesse, wenngleich bestimmte Fragen, wie die nach dem Verhältnis von Denken und Materie aus immer neuen Richtungen aufgeworfen werden. Gegenwärtig wird im Bereich der analytischen Philosophie die Frage diskutiert, ob Denken als Form von Bewusstsein mit neuronalen Vorgängen im Gehirn des Menschen identisch ist.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt