Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

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Dr. Thomas Blume

Bewusstsein

Der philosophische Begriff des Bewusstseins ist mindestens ebenso facettenreich wie die alltägliche Verwendung der Worte bewusst und Bewusstsein in den verschiedensten Zusammenhängen. Was genau ein Philosoph unter Bewusstsein versteht, ist in hohem Maße davon abhängig, in welcher philosophischen Tradition er steht und innerhalb welches Forschungsfeldes er tätig ist. Die europäische Tradition in der Nachfolge von Descartes benutzt Bewusstsein zunächst als Gattungsbegriff zur Bezeichnung solcher Sachverhalte wie Fühlen, Wollen, Einsehen – kurz all derjenigen Sachverhalte, von denen man sinnvoll sagen kann, man könne sich ihrer bewusst sein. Bewusstsein wird dabei mit dem Seelischen und Unausgedehnten gleichgesetzt und dem Körperlichen und Ausgedehnten gegenübergestellt. Kant führt die Unterscheidung von transzendentalem und empirischem Bewusstsein ein und hebt auf diese Weise die formale Seite des Bewusstseins von seiner inhaltlichen ab. Umfasst das empirische Bewusstsein die Gesamtheit aller bewussten Erlebnisse, also das, was man als den Bewusstseinsstrom oder das Bewusstseinsfeld bezeichnen könnte, so bezieht sich der Ausdruck transzendentales Bewusstsein auf seine einheitsstiftenden Funktionen. Da der jeweilige Inhalt des Bewusstseins sich aus selbstständigen Einheiten zusammensetzt, die alle wiederum zu einem einzigen, zusammenhängenden Strom von Erlebnissen verknüpft sind, bedarf es einheitsstiftender Funktionen, die für das Zustandekommen dieser Einheiten sorgen. Das transzendentale Bewusstsein stiftet diese Einheiten, indem es das durch die Sinne bereitgestellte Material den Einheitsformen der Anschauung und des Verstandes unterwirft.

Die moderne, vor allem im angelsächsischen Raum geführte Diskussion um das Problem des Bewusstseins unterscheidet im Wesentlichen zwei Aspekte von Bewusstsein, nämlich Intentionalität und Phänomenalität. Bestimmte, als bewusst bezeichnete Zustände besitzen eine besondere Form von Gerichtetheit, d. h. Intentionalität. So ist beispielsweise ein Wunsch stets der Wunsch, dass etwas Bestimmtes geschehen möge, der Wille nicht bloßer Wille, sondern Wille zu etwas, die Angst Angst vor etwas, die Überzeugung Überzeugung von etwas. Dasjenige, worauf sich der jeweilige intentionale Zustand bezieht, wird sein propositionaler Gehalt genannt. Das zweite Merkmal bewusster Zustände ist ihr phänomenaler Charakter. Man versteht darunter, dass es irgendwie wahrnehmbar ist, sich in einem bestimmten Zustand, z. B. in einem Zustand des Schmerzes oder dergleichen zu befinden. Das in sprachlicher Form Ausdrückbare erschöpft nicht den gesamten Inhalt bewusster Zustände. Bewusst erlebter Schmerz besitzt genauso wie bewusste Farbwahrnehmung eine qualitative Seite, einen erlebnismäßigen Gehalt, und dieser wird als phänomenal bezeichnet. Mit Hilfe der beiden Parameter Intentionalität und Phänomenalität lässt sich eine Skala bewusster Zustände aufspannen, die sich von bloß phänomenalen Zuständen ohne Intentionalität zu bloß intentionalen Zuständen ohne Phänomenalität als Grenzwerten erstreckt. Zu Letzteren kann man abstrakte Gedanken zählen, obgleich auch abstrakte Gedanken einen qualitativen Charakter besitzen können. Dieser ist jedoch gegenüber dem Inhalt des Gedankens äußerlich. Zu Ersteren zählen Zustände von Schmerz, Benommenheit und dergleichen. Wahrnehmungen stehen in der Mitte dieses Spektrums, da sie einerseits über eine Empfindungsqualität verfügen und damit phänomenal sind, andererseits als Wahrnehmungen Wahrnehmungen von etwas, von einem Gegenstand oder Sachverhalt sind, und ihnen somit Intentionalität zukommt. Ein weiteres Kriterium zur Beschreibung und Einordnung bewusster Zustände bildet das Merkmal der reflexiven Zugänglichkeit. Sehen einige Philosophen in der Zugänglichkeit und sprachlichen Beschreibbarkeit der eigenen erlebten Zustände eine notwendige Bedingung für das Vorliegen eines bewussten Zustandes, so fordern andere lediglich, dass die Zustände einer sprachlichen Beschreibung zumindest prinzipiell zugänglich sein müssen. Wieder andere Theoretiker, vor allem solche mit einer funktionalistischen Auffassung, sehen es als hinreichendes Kriterium für das Vorliegen eines bewussten Zustandes an, dass der entsprechende Zustand zu anderen Zuständen sowie zu Reizen aus der Umwelt und zu den Reaktionen des jeweiligen Systems in einem kausal beschreibbaren Zusammenhang steht. Nach dieser Konzeption kann auch ein Computer Bewusstsein besitzen, wenn nur seine funktionale Organisation, d. h. die Beziehungen zwischen seinen Bestandteilen, denen des Menschen hinreichend ähnlich ist.

Von Bewusstsein in einem abgeleiteten Sinne spricht man in Hinblick auf das Bewusstsein von Gesellschaftsgruppen oder Klassen, wenn man deren allgemeine oder durchschnittliche Geisteshaltung bezeichnen will. Man bezieht sich dann nicht auf das Bewusstsein bestimmter Personen, sondern auf die Menge von Überzeugungen, Annahmen und Verhaltensgrundsätzen, die bei Vertretern einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe oder Klasse stärker anzutreffen sind, als bei den Vertretern anderer Gruppen und Klassen.

D. C. Dennett, Philosophie des menschlichen Bewußtseins. Descartes, Potemkin und die Büchse der Pandora , Hamburg 1994

D. C. Dennett, Spielarten des Geistes. Wie erkennen wir die Welt? Ein neues Verständnis des Bewußtseins , München 2001

Th. Blume, Wahrnehmung und Geist. Über die Einheit von Alltag und Naturwissenschaft , Paderborn 2001

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt