Online-Wörterbuch Philosophie: Das Philosophielexikon im Internet

Das utb-Online-Wörterbuch Philosophie bündelt das gesamte Grundlagenwissen zu Epochen, Personen, Strömungen und Begriffen der Philosophie. Das Philosophielexikon enthält über 1000 Artikel, die  von ausgewiesenen Fachleuten verfasst wurden. Sie sind urheberrechtlich geschützt.

Mehr über das Lexikon erfahren

Dr. Günther Mensching

Augustinus

(354–430): In mehrfacher Hinsicht ein epochaler Autor. Er steht am Ende der Antike und ist zugleich der letzte der großen Kirchenväter, die die christliche Offenbarung mit den Mitteln der griechischen und römischen Philosophie zu einer zusammenhängenden Lehre machen wollten. Mit seinen groß angelegten systematischen und schriftauslegenden Werken ist er, weit über die Wirkung anderer Kirchenväter hinaus, im gesamten Mittelalter (A) der meistzitierte Autor der patristischen Zeit. Sein Œuvre vereinigt die widerstreitenden zeitgenössischen Lehrmeinungen, die er einerseits widerlegen will und die doch andererseits in der Spannung der Elemente seines Denkens sich weiterhin geltend machen. Seiner Bildung nach zählt Augustinus also zur Spätantike, seiner Wirkung nach zum Mittelalter.

Geboren ist Aurelius Augustinus 354 n. Chr. in Thagaste im heutigen Algerien als Sohn eines heidnischen römischen Beamten und einer Christin. Nach seinem Studium wurde er Rhetor und war Lehrer seiner Disziplin, zunächst in seiner Heimat, dann in Rom, schließlich avancierte er in Mailand zum Hofrhetor des römischen Kaisers. Im Jahre 386 bekehrte er sich nach eingehender Beschäftigung mit den Schriften der Neuplatoniker, besonders Plotins, zum Christentum und wurde 387 getauft. Im folgenden Jahr gab Augustinus seine Stellung auf und kehrte über Rom nach Afrika zurück. In Hippo Regius erhielt er die Priesterweihe und wurde ebendort 395 Bischof, was er bis zu seinem Tode im Jahre 430 blieb.

Seine Werke bilden drei Gruppen, die seinen Lebensabschnitten entsprechen. Erst nach seiner Bekehrung wurde Augustinus kontinuierlich literarisch produktiv. Die erste Gruppe umfasst u. a. im klassischen Stil abgefasste Dialoge gegen die Skeptiker und über das glückselige Leben sowie die Selbstgespräche (Soliloquia) . Die zweite Gruppe folgte in der Zeit von 388–395, als Augustinus nach Afrika zurückgekehrt war. Hier finden sich die wichtigen Schriften Über den freien Willen (De libero arbitrio) , Über den Lehrer (De magistro) und Über die wahre Religion (De vera religione) sowie der Genesiskommentar gegen die Manichäer (De Genesi contra Manichaeos) . Aus der letzten großen Lebensperiode als Bischof entstammen die berühmten Bekenntnisse (Confessiones) , die Bücher Über die christliche Lehre (De doctrina christiana) und die Dreieinigkeit (De trinitate) , sowie das große Spätwerk Der Gottesstaat (De civitate Dei) .

Das Werk des heiligen Augustinus zeigt eine enorme Vielfalt an Motiven und Traditionslinien, die es mit ganz entgegengesetzten antiken Philosophenschulen und den damals zeitgenössischen religiösen Strömungen verbindet. Dennoch hat Augustinus seine philosophische Grundorientierung, die auch seine theologischen Theorien im engeren Sinne bestimmt, schon früh gefunden. Sie ergab sich aus seiner Kritik der wichtigsten philosophischen Positionen seiner Zeit, also schon als er, durch die Lektüre von Ciceros inzwischen verlorenem Dialog Hortensius angeregt, die Philosophie zur eigenen Sache machte. Um 386, als er sich zum Christentum bekehrte, hatte Augustinus die herrschenden Richtungen bereits eingehend studiert. Besonders der Manichäismus hat ihn nachhaltig beeinflusst. Diese persisch-christliche Mischreligion lehrte einen strikten Dualismus der Prinzipien des Guten und des Bösen. Die Welt besteht aus dem Widerstreit dieser beiden Grundkräfte. Eine Erlösung der in diesem Antagonismus zerrissenen Seele war nur als völlige asketische Befreiung von der Welt vorstellbar.

Die Zwiespältigkeit der Welt hat Augustinus selbst gelehrt, ohne indessen das Gute und das Böse auf zwei gleichrangige Urgründe zurückzuführen. Konnten die Manichäer einen freien menschlichen Willen nicht anerkennen, so ist er für Augustinus ein Angelpunkt seiner Lehre von Sünde und Erlösung. Das Böse ist nämlich für ihn nicht die Wirkung eines separaten Prinzips, sondern geradezu das Zeugnis des freien menschlichen Willens. Die Alternative zwischen einem guten, Gottes Willen entsprechenden und einem bösen, sich von Gott ab- und der menschlichen Subjektivität zuwendenden Handeln lässt die Wahl offen. Die Menschen haben sich im Sündenfall für das Letztere entschieden. Indem sie von ihrer Freiheit Gebrauch machten, wurden sie schuldig und sind deshalb auf die göttliche Gnade angewiesen. Das Böse aber ist nicht ein eigenes Sein, sondern nur der Mangel (Privation) des geschuldeten Guten, also eigentlich ein Nichtsein. Es hat indessen eine dauernde Wirkung, die Augustinus in der Theorie von der Erbsünde bis in sein Spätwerk entwickelt hat: Indem sich Adam und Eva von Gottes Willen abkehrten, verfielen sie der Sünde, die sie den Geschlechtern nach ihnen vererbten. Daraus entspringt die Paradoxie der augustinischen Lehre von der Erbsünde: Indem die Menschen ihre Freiheit nutzen und aus eigenem Antrieb handeln, geraten sie in Distanz zu Gott. Ihre Selbstbestimmung als Menschen führt also notwendig zur Sünde. Das Selbstbewusstsein, durch das die Menschen ihres Willens und ihrer Freiheit gewahr werden, ist im Kern die Sünde, die somit unausweichlich ist und zugleich die Bedingung für die Rückkehr der Seele zu Gott darstellt.

Im Faktum des Selbstbewusstseins hatte Augustinus schon in seinen frühesten Schriften gegen den Skeptizismus der späten Akademie ein wirksames Argument gefunden. So führt er an vielen Stellen aus, dass zwar an allem zu zweifeln sei, dass aber der Zweifelnde seine eigene Existenz nicht in Frage stellen könne und folglich von ihr ein sicheres Wissen habe. Der radikale Zweifel, der schon an Descartes erinnert, führt zur Selbsterkenntnis der Seele als des Denkvermögens. Dieser Selbstbezug ist in jedem Akt der Erkenntnis schon vorausgesetzt. Deshalb ist Selbsterkenntnis die Form aller Erkenntnis. Auch dort wo äußere Gegenstände bestimmt werden sollen, enthält die erkennende Seele immer schon die begrifflichen Mittel hierzu, welche ihr nämlich eingeboren sind. Dieses platonische Element hat Augustinus übernommen und für seine Interpretation der christlichen Heilslehre verwendet. Hierzu gehört auch die spekulative Darlegung des Dogmas von der Dreieinigkeit. So wie Gott-Vater sich durch den Sohn und den Heiligen Geist auf sich bezieht, so ist in der menschlichen Seele die Dreiheit von Gedächtnis, Erkenntnis und Liebe die Bedingung dafür, dass sie sich im Anderen selbst findet. Diese Dreiheit ist ein unvollkommenes Abbild der göttlichen Trinität.

Die Wahrheit des Satzes, dass, wer zweifelt, existieren muss, erkennt die denkende Seele in ihrer Wendung nach innen. Diese wie jede andere Wahrheit ist Abbild einer ersten, die für Augustinus mit Gott identisch ist. Ihn, d. h. Christus, findet die Seele als den wahren Lehrer in sich selbst vor. Damit wäre die Erlösung ganz neuplatonisch die Rückkehr der von Gott selbstsüchtig abgefallenen Seele zu ihrem Ursprung, dessen Spur sie in sich trägt. Aber diese Rückkehr kann sie nur vollenden, wenn die göttliche Gnade eintritt, auf welche die Menschen keinen Einfluss haben. Der späte Augustinus hat zwar gelehrt, dass erst die Gnade die Willensfreiheit ermögliche. So steht die Prädestinationslehre, nach der Gott die Menschen erwählt und verdammt, der zugleich festgehaltenen Theorie der Willensfreiheit gegenüber.

Alle diese Motive vereinigen sich in Augustins monumentalem Spätwerk Der Gottesstaat (De civitate Dei) . Dessen ursprünglicher Zweck war es, das Christentum gegen den von heidnischer Seite erhobenen Vorwurf zu verteidigen, den römischen Staat untergraben zu haben, als Rom im Jahre 410 von den Westgoten erobert wurde. Das Buch lässt die apologetische Zielsetzung indessen weit hinter sich und reflektiert auf der Basis der biblischen Berichte das Verhältnis des Christentums zum irdischen Staat überhaupt. Das verheißene Reich, das nicht von dieser Welt sein sollte, stellt Augustinus als die Verfassung der Menschheit nach der Erlösung dar. Wenn diese auch letzthin von der göttlichen Gnade bewirkt wird, haben die Menschen dennoch die Aufgabe, nach dem Sündenfall das Zeitalter ihres irdischen Daseins als Pilgerweg auf sich zu nehmen, um sich im Diesseits zu bewähren und der Gnade würdig zu erweisen.

Auf dieser langen Reise machen die Menschen kontinuierlich Fortschritte in der Erkenntnis der Bestimmung, die ihnen gesetzt ist. Ihr Weg erstreckt sich in der Zeit, der Dimension des profanen Nacheinander der Ereignisse. Wie Augustinus im 11. Buch seiner Bekenntnisse (Confessiones) ausführt, kann diese zeitliche Ordnung aber nicht wahrhaftes Sein beanspruchen, denn sie ist aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammengesetzt, von denen nur die Gegenwart ein punktuelles Sein hat, während die Vergangenheit nicht mehr, die Zukunft noch nicht ist. Die Beziehung dieser drei Zeitmodi und ihr Maß findet sich nur in der menschlichen Seele, die einem trügerischen Schein verfallen ist, wenn sie dem Zeitlichen ein selbstständiges Sein zumisst. Dennoch ist es den Menschen nach dem Sündenfall bestimmt, sich im zeitlich verfassten Diesseits auf die Erlösung vorzubereiten.

Dies geschieht für die Menschheit als Ganze in der Dimension der geschichtlichen Zeit. In Anlehnung an die biblische Geschichte entwickelt Augustinus die erste konsequente Geschichtsphilosophie. Geschichte wird, neu in der antiken Welt, als einmaliger und unumkehrbarer Prozess begriffen. Dessen Bewegung ist von einem fortwährenden Antagonismus beherrscht. Das weltliche, von Gott abgefallene Dasein und seine Organisation im profanen Staat liegt in unausweichlichem Konflikt mit dem keimhaft immer schon vorhandenen Staat Gottes. Wiewohl dieser Widerstreit manichäische Züge hat, ist er doch nicht ewig, vielmehr ist er auf seine eigene Aufhebung hingeordnet. Der Kampf der beiden Staaten findet im Frieden des ewigen Sabbats sein Ende. Aber dieser Heilszustand kann nur durch die göttliche Gnade nach dem Jüngsten Gericht eintreten.

Bis dieses Ziel aller Geschichte erreicht ist, müssen die Menschen sich im Diesseits durch ihre Arbeit erhalten, aber sie sollen nicht danach streben, die irdischen Verhältnisse, d. h. die materiellen Bedingungen ihrer Existenz zu verbessern, denn dadurch kämen sie von ihrem Heilsziel ab. Diese Lehre hat die Weltverachtung des frühen Mittelalters geprägt, wie denn überhaupt nicht nur die Kirche der im Diesseits sich herausbildende Gottesstaat sein sollte, sondern auch die weltliche Gewalt als dessen Arm eine sakrale Funktion hatte.

Augustinus hat mit vielen seiner Lehren bis in die Neuzeit (A) gewirkt. Die geschichtlich neuen Motive seines Denkens wie die Beziehung der Subjektivität auf sich, die Idealität der Zeit sowie die Zielbestimmtheit des einmaligen und in sich antagonistischen Geschichtsprozesses sind erst mehr als tausendfünfhundert Jahre später wirklich entfaltet worden. Durch die späteren Traditionen vielfach modifiziert, sind diese Lehrstücke Augustins in die kantische Transzendentalphilosophie sowie in die hegelsche und marxsche Geschichtstheorie eingegangen.

K. Flasch, Augustin – Eine Einführung in sein Denken , 3. Aufl. Stuttgart 1994

E. Gilson, Der Heilige Augustinus – Eine Einführung in seine Lehre , Breslau 1930

J. Kreuzer, Augustinus , Frankfurt/M. 1995

Zurück zur Übersicht

Das Buch

Mehr zum Handwörterbuch Philosophie...

Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

Zum Weiterlesen


Lade Daten...
Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Buchcover
Autor

Buchtitel

 

Beschreibung

Druck-Ausgabe: 12,95 €
eBook-Ausgabe: 8,97 €

Mehr im UTB-Shop!
 

utb GmbH

Industriestraße 2
D-70565 Stuttgart, Germany

Fon: +49 711 7 82 95 55-0
Fax: +49 711 7 80 13 76
utb(at)utb-stuttgart.de

Impressum
Datenschutzhinweise
Widerrufsbelehrung

Pfeil nach links Zurück zur Website

utb-Homepage

Zum UTB-Online-Shop

Vom Uni-Taschenbuch bis zur e-Learning-Umgebung: Das komplette utb-Angebot für Studierende, Dozenten, Bibliotheken und Buchhandel.

[Zur utb-Homepage]

utb-Online-Shop

Zum UTB-Online-Shop

Ob gedrucktes Buch oder digitale Ausgabe – im utb-Shop finden Sie alle utb-Titel übersichtlich sortiert.

[Zum utb-Shop]

utb bei Facebook

Zur UTB-Facebook-Seite

Gefällt mir! Die Facebook Seite von utb informiert Sie über unsere Aktivitäten. 

 [zur Facebook-Seite von utb]

utb auf Twitter

UTB-Tweed bei Twitter

Aktuelles für Studierende und Dozenten – hier melden wir, was es in der Hochschulwelt Neues gibt.

[Zum utb-Twitter-Tweed]

Eine Übersicht der Websites zu einzelnen utb-Titeln finden Sie auf der Links-Seite.

 

Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt