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Prof. Dr. Karl Bormann

Anaximander von Milet

(um 610/09–547/46): Sohn des Praxiades, kannte Thales und war vielleicht sein Schüler. Ihm wird die Erfindung der Sonnenuhr zugeschrieben, was aber wohl unrichtig ist, weil nach der Angabe Herodots die Griechen sie von den Babyloniern übernahmen; vielleicht führte Anaximander sie in Griechenland ein. Ferner soll Anaximander eine Land- und Seekarte entworfen haben, was möglich ist; es bleiben aber Zweifel. Dass Anaximander einen Himmelsglobus konstruiert habe, ist nicht beweisbar und aufgrund der astronomischen Vorstellungen Anaximanders wenig wahrscheinlich. Sicher ist, dass er ein Buch schrieb, aus dem ein Satz wörtlich erhalten ist. Er war der erste, der für den Urstoff den Namen apeiron (Unbegrenztes, Unbestimmtes) verwendete, weil der von ihm angenommene Urstoff unvorstellbar weit ausgedehnt und der Beschaffenheit nach unbestimmt ist, d. h. das apeiron ist mit keinem Elementarkörper identisch und auch keine Mischung aus Elementarkörpern. Verbunden hiermit ist der Gedanke, es sei unvergänglich. Als unvergänglich ist das apeiron göttlich, und als solches umfasst und ›steuert‹ (lenkt) es alles. Hiermit ist nicht mit Notwendigkeit auf planvolle Lenkung des Kosmos hingewiesen; das Steuern eines Schiffes kann als mechanischer Vorgang aufgefasst werden, der durch den Mechanismus des Steuerruders verursacht wird, und ebenso kann die dem apeiron beigelegte Steuerung gemeint sein. Indessen ist zu konzedieren, dass die Steuerungsmetapher die Annahme einer planvollen Lenkung begünstigt, sie jedoch nicht erforderlich macht; auch bei Aristoteles kommt der zielstrebig verändernden und gestaltenden Naturkraft (physis ) kein Bewusstsein zu. Wie Anaximander die Lenkung der Welt auffasste, wissen wir nicht; die Lösung des Problems kann in Folgendem gesehen werden: Die Lenkung erfolgt durch das Gesetz des Austauschs der Gegensätze dergestalt, dass entsprechend diesem Gesetz jeder Wechsel erfolgt. Diese Deutung wird durch den erhaltenen wörtlichen Satz begünstigt: »Entsprechend der Notwendigkeit; denn sie zahlen einander Strafe und Buße für die Ungerechtigkeit gemäß der Anordnung der Zeit« (mit Sicherheit echt sind die Worte »denn sie … Ungerechtigkeit«). Strafe und Buße zahlen ist auf die einander entgegengesetzten Dinge zu beziehen, die aus dem apeiron entstehen und Teile der Welt oder der aufeinander folgenden Weltordnungen sind, also auf Warmes, Kaltes, Trockenes, Feuchtes. Diese sind nicht Attribute eines Stoffes, sondern Dinge, welche die Welt in ihrer Gesamtheit konstituieren. Wahrscheinlich sprach Anaximander nicht abstrakt vom Warmen, Kalten usw., sondern von Feuer, Wind oder Luft, Wasser usw. Der Konflikt zwischen Entgegengesetztem ist vornehmlich beim Wechsel der Jahreszeiten beobachtbar, und archaisches Denken weitete diesen Konflikt in kosmisches Geschehen aus. Hitze und Trockenheit, Regen und Kälte verdrängen einander; Heißes kühlt sich ab zu Wolken, Wolken werden zu Regen. Die ›Ungerechtigkeit‹ besteht darin, dass z. B. das Heiße die Übermacht über sein Gegenteil erlangt. Dieses Dominieren des einen gegenüber dem anderen ist ›Ungerechtigkeit‹, die gesühnt wird; der Wechsel, das Wiederherstellen des kosmischen Gleichgewichts, ist »Strafe und Buße für die Ungerechtigkeit zahlen«. Es handelt sich hierbei eindeutig um eine Metapher, die dem gesellschaftlichen Leben entnommen und auf die Vorgänge im Kosmos angewendet ist. Das Wiederherstellen des gestörten Gleichgewichts ist eine ›Notwendigkeit‹, auf welcher die Fortdauer des Entstehens und Vergehens beruht. Die Rechtsmetapher vermag auch Auskunft darüber zu geben, wer Ursache der Notwendigkeit ist. Gesellschaftliches Leben wird dadurch gewährleistet, dass das vom Herrscher erlassene Gesetz befolgt wird. Nichtbefolgung des Gesetzes zerstört die Ordnung; durch Strafe und Buße wird die Ungerechtigkeit gesühnt. Das wird auf den Kosmos übertragen: Die Ungerechtigkeit, das Überhandnehmen eines Teiles in der Welt würde die Weltordnung zerstören, wenn sie nicht wieder hergestellt würde. Das Gesetz der Isonomie und die Notwendigkeit, dass die kosmischen Gegensätze ihre Bereiche nicht überschreiten, entstammen also dem apeiron . »Gemäß der Anordnung der Zeit« wird die Grenze für die ›Buße‹ bestimmt, was bedeutet, dass für alle Gegensatzglieder eine bestimmte Dauer festgesetzt ist und dass nichts unveränderlich besteht. Die von Aristoteles angegebene Begründung dafür, dass Anaximander als Urstoff das apeiron annahm, wird von hier aus plausibel: Wäre der Urstoff einer der bekannten Elementarkörper, dann würde er wegen seiner unvorstellbar weiten Ausdehnung die anderen Stoffe zerstören. Daher kann der Urstoff nicht selbst ein kosmisches Phänomen sein, sondern muss jenseits der Phänomene existieren. Die Weltentstehung wird dadurch eingeleitet, dass aus dem apeiron sich ein Keim absondert, der Heißes und Kaltes erzeugt, in der Sprache des Anaximander wahrscheinlich Feuer als Heiß-Trockenes, Wasser als Kalt-Feuchtes. Das Heiß-Trockene drängt an die Peripherie und entwickelt sich zu einem Flammenball, der das Kalt-Feuchte umgibt wie die Rinde den Baum. Durch die auf das Kalt-Feuchte einwirkende Hitze entsteht Nebel, und ebenfalls unter der Einwirkung der Hitze wird der größere Teil des Kalt-Feuchten zu trockenem Land. Die Gestirne einschließlich der Sonne und des Mondes entstehen dadurch, dass aufgrund der Hitze Luftmassen gegen die Feuerregion stoßen und diese zerteilen; der Flammenball bricht auseinander, und das Feuer schließt sich zu Radkränzen zusammen, die von dunkler Luft wie von Schläuchen umgeben sind. Auf der inneren Seite der Radkränze befinden sich Öffnungen; die durch die Öffnungen sichtbaren Feuerteile erscheinen als Sonne, Mond und Sterne. Gelegentliche Verstopfungen der Öffnungen sind Ursache der Sonnen- und Mondfinsternisse; periodische Verstopfungen bewirken die Mondphasen. Über eine Ursache der Verstopfungen ist in den Berichten nichts angegeben. In nacharistotelischen Referaten wird gesagt, Anaximander habe zahllose aus dem apeiron entstehende Weltordnungen angenommen. Falls er in irgendeiner Weise von koexistierenden Welten sprach, kann er damit nur die Gestirne oder die Regionen zwischen den Gestirnbahnen gemeint haben. Wahrscheinlicher ist, dass er an eine Vielzahl aufeinander folgender Beschaffenheiten des einen Kosmos dachte, worauf auch das erhaltene Fragment hinweist.

Mit Sicherheit hatte Anaximander große astronomische und geographische Interessen, die auch in seiner Weltentstehungstheorie deutlich werden. Die Erde ist an Gestalt einem zylindrischen Säulenstumpf gleich, dessen Höhe ein Drittel der Breite ausmacht. Die von Menschen bewohnte Oberfläche erscheint wie eine flache Scheibe. Anaximanders Neuerung besteht darin, dass er auf eine die Erde tragende Unterlage verzichten kann. Die Erde schwebt frei in der Mitte der Welt; wegen des gleichen Abstands nach allen Seiten befindet sie sich im Gleichgewicht, und es gibt keinen Grund dafür, dass sie sich von der Mitte entfernt. Aufgrund dieser Position der Erde ist die Möglichkeit gegeben, die Gestirnbahnen als kreisförmige Bewegung der Radkränze aufzufassen. Verursacht wird die Drehung der Radkränze durch den Wind, dessen Ursache der infolge der Sonnenwärme aufsteigende Wasserdampf ist. Wie kindlich diese Theorie im 21. Jh. erscheinen mag, so wichtig ist sie. Aristoteles z. B. fand keine bessere Erklärung für die Bewegung der Gestirne, als dass sie durch übermenschliche Intelligenzen verursacht werden, was die mittelalterlichen Aristoteliker akzeptierten. Bei Anaximander hingegen treffen wir auf eine physikalische Erklärung der Gestirnbewegung. Die Größe der Sonne ist gleich der Erdoberfläche. Die Durchmesser der Radkränze werden in Vielfachen des Erddurchmessers angegeben: Der Radkranz der Sonne hat siebenundzwanzigfachen, der des Mondes achtzehnfachen Durchmesser der Erde; der Durchmesser des Gestirnradkranzes ist nicht überliefert, wahrscheinlich galt für ihn der neun- oder zehnfache Erddurchmesser. Hieraus ergibt sich: Alle Gestirne sind von der Erde gleich weit entfernt, sie befinden sich in größerer Nähe zur Erde als der Mond; die Sonne ist am weitesten von der Erde entfernt. Wichtiger als das ist, dass die Welt mathematisch strukturiert ist und deswegen Kosmos (Ordnung, Schmuck) heißt; Schönheit erfordert Proportion und Maßverhältnisse. Eine Schwierigkeit ergibt sich hinsichtlich der scheinbar rückläufigen Planetenbahnen im Vergleich zur Fixsternsphäre; sie lässt sich am besten durch die Annahme beheben, dass Anaximander jedem Planeten einen gleich großen Radkranz, aber von jeweils verschiedener Neigung und Umdrehungsgeschwindigkeit, zusprach; diesbezüglich ist jedoch nichts überliefert. Eine andere Schwierigkeit besteht hinsichtlich der nicht untergehenden Zirkumpolarsterne. Wenn die Erde sich im Mittelpunkt der Radkränze befindet, lassen sich die Bahnen der Zirkumpolarsterne nicht erklären. Auch diesbezüglich ist nichts überliefert; denkbar ist, dass Anaximander sich mit diesem Problem nicht befasste. Meteorologische Phänomene wie Wind, Wolken, Regen, Blitz und Donner scheint Anaximander dadurch erklärt zu haben, dass der kosmische Prozess der Aussonderung nicht beendet ist. Unter dem Einfluss der Sonnenwärme steigt Wasserdampf vom Meer auf und bildet die Atmosphäre, diese sondert sich in schwere und leichte Luft. Die Bewegung der leichten Luft ist der Wind; die schwere, feuchte Luft ballt sich zu Wolken zusammen und wird zu Regen. Wind, der vollständig in dichten Wolken eingeschlossen ist, sucht einen Ausweg und sprengt die Wolken. Das Zerreißen der Wolken wird als Donner hörbar, der Riss selbst erscheint im Kontrast zur Dunkelheit der Wolken als Blitz. Dass Anaximander auch eine Erklärung der Erdbeben gab, ist zu bezweifeln. Entsprechend einigen Referaten soll er gelehrt haben, die Erde trockne immer mehr aus und schließlich verschwinde das Wasser. Möglich ist, dass es sich bei diesen Berichten um einen Teil einer zyklischen Weltentstehungs- und Weltuntergangstheorie handelt; denkbar ist auch, dass hiermit die archaische Vorstellung vom ›Großen Sommer‹ und ›Großen Winter‹ zu verbinden ist, nämlich periodische Trockenheits- und Überschwemmungsphasen entsprechend dem Gesetz der Isonomie. Wahrscheinlicher indessen ist die Annahme, dass der jährliche Wechsel der Jahreszeiten gemeint ist. Alles Leben entsteht im Feuchten unter dem Einfluss der Sonnenwärme. Abgesehen von der Verbindung zu Thales’ Theorie vom Wasser als dem Urstoff wurde Anaximander zu dieser Auffassung vielleicht durch Beobachtungen des Lebens im austrocknenden Meeresschlamm angeregt. Die ersten Lebewesen entstanden im Wasser und waren von stacheligen Schutzhüllen umgeben; mit fortschreitendem Alter begaben sie sich aufs Land, warfen die Schutzhüllen ab und lebten einige Zeit in anderer Form weiter. Auch die Menschen entstanden ursprünglich im Wasser. Da sie im Vergleich zu anderen Lebewesen lange Zeit pflegebedürftig sind, wurden sie von Fischen oder fischähnlichen Lebewesen so lange ausgetragen, bis sie sich auf dem Land selbst erhalten konnten. Diese Theorie ist, wenn von Einzelheiten abgesehen und sie im Ganzen bewertet wird, keineswegs zu verachten; sie ist nichts anderes als eine erste Abstammungslehre. Anaximander ist, soweit wir wissen, der Erste, der versuchte, den Ursprung der Lebewesen und der Menschen naturwissenschaftlich zu erklären. Darüber hinaus bot er eine allumfassende Deutung der Weltentstehung und aller kosmischen Phänomene, was trotz der lückenhaften Referate erkennbar ist; und wenn seine Deutung mit späteren verglichen wird, ergibt sich, dass der Gedankenreichtum Anaximanders nie übertroffen wurde. Auf Einzelheiten, welche die moderne Naturwissenschaft besser als Anaximander deuten kann, braucht nicht hingewiesen zu werden. Er versuchte, die Erscheinungen mit überprüfbaren Argumenten zu erklären, was in späterer Zeit keineswegs immer getan wird.

F. Dirlmeier, Der Satz des Anaximander von Milet , in: Rhein. Mus. N. F. 87, 1938, 376–382

U. Hölscher, Anaximander und die Anfänge der Philosophie , in: Hermes 81, 1953, 257–277; 385–418

Ch. H. Kahn, Anaximander and the Origins of Greek Cosmology , New York 1960

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hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt