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Holm Bräuer

Ökonomie

Von griech. oikos , ›Haus, Hauswirtschaft‹ und nomos ›Gesetz, Regel‹: Im antiken Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff die zweckmäßige und tugendhafte Führung der Haus- und Familienwirtschaft. Maßgebend sind dabei die Normen des guten Lebens im Umgang mit land- und hauswirtschaftlichen Fragen, wozu auch die Eheberatung, die Kindererziehung, die Handhabung der Werkzeuge oder die Führung der in der Hauswirtschaft eingesetzten Arbeitskräfte gehören.

Xenophon, von dem der erste ökonomische Ratgeber in Form des Dialogs Oeconomicus überliefert ist, und Aristoteles, der die Ökonomie zu Beginn seiner Politik behandelt, bezeichnen die Haushaltsführung als eine Kunst, deren Kenntnis zu den menschlichen Tugenden gezählt wird. Die Regeln zur Verwaltung des Hausbesitzes gehören für Aristoteles mit in die Beschreibung der sozialen und politischen Verhältnisse der Polis, während, im Unterschied zum heutigen Verständnis, Gelderwerb und Tauschhandel nicht der Ökonomie, sondern der Kaufmannskunst (Chrematistik) zugeordnet werden, welche als ethisch verwerflich gilt, insofern der Gelderwerb durch Zinsgeschäft oder Wucher betrieben wird.

Die Trennung von Ökonomie und Chrematistik hält sich noch bis zu Wolff, Thomasius und Leibniz durch und dient der Aufrechterhaltung und Stabilisierung der ständestaatlichen Ordnung. Aus ihr leitet sich die Zuordnung von Leitungs- und Kontrollrechten in den altständischen Verfassungen her. Unter die Zuständigkeit des Hausherrn fällt alles, was zur Ökonomie zählt, also insbesondere die gewerblichen und landwirtschaftlichen Produkte und Aktivitäten, die zur Abdeckung des Eigenbedarfs der Hauswirtschaft dienen. Darüber hinausgehende Aktivitäten, wie Handel und Markttätigkeit, fallen unter die Chrematistik und unterliegen der Kontrolle des Gemeinwesens bzw. der Obrigkeit.

Die Trennung von Haus- und Staatsverwaltung wird von Montchrestien, der die Staatsverwaltung und die nationale Erwerbswirtschaft des fürstlichen Haushalts mit der Verwaltung der häuslichen Gemeinschaft vergleicht, kritisiert. Montchrestien hat den Ökonomiebegriff auf die Betrachtung der Staatsverwaltung erweitert. Mit der Einbeziehung der nationalen Wohlfahrtspolitik, dem Steuer- und Zollsystem zur dauerhaften Bereicherung und Abdeckung des Staatshaushalts, der Gleichsetzung von politischer Macht und ökonomischer Selbständigkeit werden wirtschaftswissenschaftliche Fragestellungen explizit in einen politischen Kontext gestellt, weshalb sich dafür auch der Begriff ›politische Ökonomie‹ eingebürgert hat. Die französischen Physiokraten (Ökonomisten) haben dagegen versucht, die politische Ökonomie aus staatshaushaltlichen Betrachtungen herauszulösen und auf eine naturrechtliche Grundlage zu stellen. Quesnay und Gournay vertreten unter der Parole einer Laissez-faire-Politik die Auffassung, dass sich der Staat von wirtschaftspolitischen Eingriffen soweit wie möglich zu enthalten habe, denn die Gesetze der ökonomischen Beziehungen würden nicht vom staatlichen Gesetzgeber, sondern von der natürlichen Ordnung vorgegeben.

Während Adam Smith in seinem Werk The Wealth of nations noch eine enge Verbindung von Politik und Ökonomie sowie die Identifikation von Reichtum und Macht aufzeigt und damit noch ganz im Sinne einer staatswirtschaftlichen Untersuchung vorgeht, sieht Ricardo die politische Ökonomie als eine bloß positiv verfahrende naturwissenschaftliche Angelegenheit, die ohne einen politischen oder naturrechtlichen Rahmen auskommt. Diese apolitische Behandlung der Ökonomie im Sinne eines bloßen Waren- und Kapitalverkehrs hat Marx als Schein entlarvt, da in der bürgerlichen Gesellschaft die menschliche Arbeitskraft selbst als eine Ware dem Markt unterworfen ist, wodurch sich die scheinbar anonymen Marktbeziehungen zu einer sozialen Spannung zwischen Kapitaleigentümer und Arbeitskraft verdichten, die sich in Arbeitskämpfen auch politisch äußert. Weber plädiert für eine nationalstaatliche Auslegung der Wirtschaftspolitik, die sich an den außenpolitischen Machtkämpfen orientiert und in diesem Sinne als Wissenschaft auch den politischen Interessen der Nation dient.

Die politische oder Nationalökonomie lebt also im Spannungsfeld unterschiedlicher Rahmenbedingungen, die sich zwischen der Forderung nach ihrer Unterordnung unter nationalstaatliche Interessen, welche von dem Gedanken der Identität politisch-nationalstaatlicher Macht und ökonomischer Unabhängigkeit ausgehen, ihrer Orientierung an volkswirtschaftlichen Überlegungen, die wohlfahrtspolitisch gespeist werden, und gesellschaftskritischen Positionen, die den Zusammenhang von ökonomischen Tauschbeziehungen und den damit verbundenen Ungleichheiten in den sozialen Beziehungen zum Thema machen, bewegen. Auch die Forderung nach der Entbindung der Ökonomie aus dem nationalen und politischen Rahmen gemäß dem Laissez-faire-Prinzip, die dem überregionalen und selbstständigen Charakter moderner Wirtschaftsbeziehungen Rechnung trägt, bildet einen Strang in dem Netz sich gegenseitig widersprechender und überlagernder Bestrebungen. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jhs. entwickeln sich parallel dazu die neuklassischen Ansätze, mit denen versucht wird, anhand mathematisierter Strukturtheorien eine allgemeine Theorie der rationalen Entscheidung (rational choice ) der an ökonomischen Tauschbeziehungen beteiligten Handlungssubjekte zu entwerfen. Die sozioökonomischen und finanzpolitischen Entscheidungstheorien wurden im 20. Jh. zu einer umfassenden politischen Wirtschaftslehre weiterentwickelt, die nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Prozesse im Sinne von Markt- und Wettbewerbsmechanismen analysiert. So werden z. B. politische Wahlen in Analogie zu Angebot- und Nachfragestrukturen gesetzt oder Verhandlungsprozesse mit Tauschprozessen parallelisiert. Diese Art der weitgehenden Gleichsetzung von Politik und Ökonomie findet in der Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre ihren Widerpart, durch welchen sich die marxsche Kapitalismuskritik im akademischen Rahmen neu etablieren konnte.

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt