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Lic. phil. Gerhild Tesak

Cassirer, Ernst

(1874–1945): Wurde als Sohn jüdischer Eltern in Breslau geboren und starb im New Yorker Exil. Obwohl ursprünglich eng mit dem Kreis der Marburger Neukantianer verbunden, grenzte er sich durch sein eigenes philosophisches Profil schon bald deutlich gegen jene ab. Mit der Publikation der Schrift Substanzbegriff und Funktionsbegriff (1910) gelang ihm ein Wurf, der ihn in der Folge zu einem der angesehensten deutschen Philosophen vor dem 2. Weltkrieg werden ließ, seine ideengeschichtlichen Arbeiten zur Renaissance und zur Aufklärung gelten noch heute als Standardwerke und als Autor der Philosophie der symbolischen Formen (Symbole) war er der Philosophie seiner Zeit um etliche Jahre voraus. Hinter letztgenanntem Titel verbirgt sich Cassirers Hauptwerk, der systematische Entwurf zu einer Kulturphilosophie, welchem das hauptsächliche Interesse der nachfolgenden Darstellung gilt. Es soll zuerst auf Cassirers spezifisches Kulturverständnis eingegangen werden. Darauf folgt die Darlegung seines methodischen Ansatzes und die Diskussion der von ihm geprägten Begriffe der »symbolischen Prägnanz« und der »symbolischen Form«. Für Cassirer erklärt sich das Wesen und der Sinn von Kultur aus ihrer Funktion. Der generelle Zweck, auf den alle kulturellen Bestrebungen hinzielen, besteht nach ihm darin, »die passive Welt der bloßen Eindrücke« zu einer für den Menschen verstehbaren Wirklichkeit umzuformen. Im Unterschied zum Tier, das instinktiv auf gegebene Schlüsselreize reagiert, muss der Mensch, um situationsadäquat und also sinnvoll handeln zu können, die Situation verstehen, in welcher er sich befindet und auf welche er reagieren soll. Das heißt: Das Orientierungsvermögen des Menschen ist an Bedeutungen und Bedeutungszusammenhänge gebunden. Die Produktion von Bedeutung und der Umgang mit solchen Bedeutungssystemen ist das, was Cassirer Kultur nennt. Diesem sehr weit gefassten Begriff von Kultur entspricht ein ebenso weites Verständnis der Kulturphilosophie. Ihr Gegenstand ist der Gesamtbereich menschlicher Wirklichkeitsdeutung, zu dem auch die Naturwissenschaften als spezifische Weisen des Weltverstehens gehören. Cassirer sieht seine Aufgabe als Kulturphilosoph darin, all »die verschiedenen Grundformen des Verstehens der Welt gegeneinander abzugrenzen und in ihrer eigentümlichen geistigen Form zu erfassen«. Systematisch hält er dabei am Ansatz der transzendentalphilosophischen Fragestellung fest, deren Anwendungsgebiet er aber nun auf den gesamten Bereich der Kultur – im oben beschriebenen Sinn verstanden – ausweitet: Seine Untersuchung richtet sich auf die Bedingung der Möglichkeit von Bedeutung überhaupt. Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bildet dabei die Beobachtung, dass jede menschliche Wahrnehmung immer schon in irgendeiner Weise sinnbefrachtet ist. Das Bewusstsein begnügt sich nicht damit, die Eindrücke der Außenwelt aufzunehmen, sondern es verknüpft und durchdringt jeden Eindruck mit einer freien Tätigkeit des Ausdrucks. So kann beispielsweise ein einfacher Linienzug je nach Wahrnehmungskontext einmal als Fieberkurve, als Berggrat oder einfach als ›Gekritzel‹ verstanden werden. Wesentlich an diesem von Cassirer immer wieder bemühten Beispiel ist die Tatsache, dass wir diesen Linienzug (wenn wir ihn wahrnehmen) immer schon als ›etwas‹ wahrnehmen. Das heißt, dass wir nie die bewusste Wahrnehmung eines Sinnesdatums ohne die gleichzeitige Wahrnehmung einer Bedeutung haben. Dieses Phänomen, dass die menschliche Wahrnehmung nicht nur notwendig sinnlich, sondern offensichtlich bis zu einem gewissen Grad immer auch schon sinnvoll ist, stellt für Cassirer ein echtes Urphänomen dar: »Unter ›symbolischer Prägnanz‹ … soll die Art verstanden werden, in der ein Wahrnehmungserlebnis (als ›sinnliches Erlebnis‹) zugleich einen bestimmten anschaulichen ›Sinn‹ in sich fasst und ihn zur unmittelbaren konkreten Darstellung bringt.« Das Prinzip der symbolischen Prägnanz erinnert in gewisser Hinsicht an den gestalttheoretischen Begriff der ›guten Gestalt‹, wonach der Mensch die Gegenstände nicht als unzusammenhängende Bruchstücke wahrnimmt, sondern immer nur als sinnvolle Ganzheiten. Der Ausdruck der symbolischen Prägnanz dient Cassirer zur Bezeichnung der ursprünglichsten Weise des Zustandekommens von Bedeutung überhaupt. Als echtes Apriori liegt diese (im wahrsten Sinne des Wortes ›ursprüngliche‹) Bedeutungsfunktion auch den in der Philosophie der symbolischen Formen entwickelten und erwähnten kulturellen Formen des Bedeutens zugrunde. Wenn auch der Umgang des Menschen mit der Welt (wie der Vergleich mit den Tieren oben zeigte) in keiner bestimmten Weise vorgegeben ist, so ist er doch auch nicht beliebig. Auf der Grundlage der Voraussetzung, dass die Wirklichkeit dem Menschen nur durch ein kulturell geformtes Medium zugänglich ist, haben sich bestimmte Grundformen des Weltverstehens herausgebildet, die Cassirer »symbolische Formen« nennt. Dieser Begriff wird von ihm in zweifacher Bedeutung verwendet, wobei zwar beide Male dasselbe Phänomen bezeichnet, aber unterschiedlich akzentuiert wird. So definiert Cassirer symbolische Form einmal als »jede Energie des Geistes …, durch welche ein geistiger Bedeutungsgehalt an ein konkretes sinnliches Zeichen geknüpft und diesem Zeichen innerlich zugeeignet wird«. Zum andern benutzt er den Begriff aber auch, um damit das Produkt eines solchen Bedeutungsbildungsprozesses, nämlich die dabei entstandenen kulturellen Bedeutungs- bzw. Orientierungssysteme selbst zu bezeichnen. Neben Sprache, Mythos und Wissenschaft, deren Darstellung jeweils ein Band seines dreibändigen Werkes gewidmet ist, werden von Cassirer beispielsweise auch Kunst, Technik, Recht und Wirtschaft als eigenständige symbolische Formen aufgeführt. Alle diese symbolischen Formen stellen nach Cassirer gleichberechtigte Weisen der Wirklichkeitsdeutung dar. Wie Cassirer in einer aufwändigen, auf Interdisziplinarität angelegten Untersuchung der Formen Sprache, Mythos und Wissenschaft (bzw. Erkenntnis) darlegt, kann davon ausgegangen werden, dass die Ausbildung gewisser grundlegender Funktionen in jeder symbolischen Form – wenn auch jeweils unterschiedlich realisiert – gewährleistet wird. Es handelt sich dabei um die Kategorien von Raum, Zeit und Zahl sowie die Entwicklung eines Bewusstseins, das zwischen Ich/Selbst und Außenwelt zu differenzieren vermag. Stellt man Sprache, Mythos und Wissenschaft als die von ihm hauptsächlich diskutierten Formen der Welterschließung nebeneinander, so zeigt sich allerdings, dass mit der Betonung ihrer Gleichberechtigung das Verhältnis der symbolischen Formen untereinander noch keineswegs geklärt ist. Cassirers Hinweis darauf, dass zwar alle symbolischen Formen ihren Ursprung im Mythos haben, ihre Entstehung jedoch nicht als ein »Fortschreiten zum Besseren« verstanden werden darf, bietet auch keine Hilfe für eine systematische Ein- oder Zuordnung derselben. Während Mythos und Wissenschaft als symbolische Formen zeitlich getrennt werden können, muss die symbolische Form der Sprache als mit jenen beiden zeitgleich existierend gedacht werden. Das Verhältnis der Formen untereinander kann somit weder hierarchisiert noch als Ordnung in der zeitlichen Folge verstanden werden. Dass das permanente Wirken kultureller Energien nur als komplexes Wechselspiel beziehungsweise Zusammenspiel verschiedenster symbolischer Formen sichtbar wird, sich ansonsten aber jedem Versuch einer starren Festlegung auf eine bestimmte Ordnung entzieht, kommt im Übrigen in jeder Hinsicht dem Verständnis Cassirers von der ›Lebendigkeit‹ der symbolischen Formen entgegen. Dieser wollte mit der Philosophie der symbolischen Formen kein geschlossenes philosophisches System liefern, sondern eine systematische Perspektive entwickeln, unter der die kulturellen Phänomene adäquat zu betrachten sind. So gesehen hat die Feststellung der Gleichberechtigung wohl auch mehr programmatischen als systematischen Charakter. Vor allem zwei Punkte sollen in diesem Zusammenhang noch einmal deutlich gemacht werden. Erstens: Nach Cassirer ist es das Bestreben jeder symbolischen Form, sich selbst absolut setzen zu wollen. Dieser Anspruch muss relativiert werden. Die Darstellung des Mythos macht deutlich, dass das Wirklichkeitsverständnis, das einer symbolischen Form zugrunde liegt, zwar absolut gültig für diejenigen Menschen ist, die sie jeweils hervorbringen und tragen, dass es aber unabhängig davon keine ›wirkliche‹ Wirklichkeit gibt, die durch manche Formen schlechter, durch andere besser erschlossen beziehungsweise repräsentiert wird. Wirklichkeit erschöpft und erfüllt sich jeweils in ihrer Form. Somit sind der Mythos und das wissenschaftlich bedingte Weltverständnis beide nicht mehr und nicht weniger als ›wirklich‹ – allerdings verschiedene Wirklichkeiten, die Unterschiedliches leisten. Zweitens: Insofern der Mensch Wirklichkeit nur als Kultur im Sinne der symbolischen Formen hat, alle diese Bedeutungs- beziehungsweise Orientierungssysteme aber allein aus seiner Fähigkeit entstanden sind, Symbole (im Sinne von sinnlichen Bedeutungsträgern) zu verstehen, zu verwenden und zu produzieren, definiert Cassirer den Menschen als das animal symbolicum . Damit macht er deutlich, dass der Zugang zur Welt über die begriffliche Form verstandesmäßiger Erkenntnis, die dem animal rationale zukommt, nur eine von verschiedenen möglichen Formen des Sinnverstehens darstellt.

In seinen späteren Arbeiten wendet sich Cassirer (wohl auch durch biographische Umstände bedingt) vermehrt ethisch-politischen Fragestellungen zu. So in dem 1946 posthum erschienen Werk The Myth of the State , wobei auch die darin entwickelten Ideen dem Gedanken der philosophischen Formen verbunden bleiben. Cassirer hinterließ keine direkten philosophischen Nachfolger. Neben Merleau-Ponty, Gurwitsch und Langer, die sich direkt auf ihn beziehen, fand sich niemand, die Cassirer’schen Ideen explizit aufzunehmen. Gründe hierfür liegen sicher in der gewaltsamen Beendigung seines Wirkens im deutschsprachigen Raum, wo die während oder unmittelbar nach der NS-Zeit auf die frei gewordenen Lehrstühle nachgerückten Professoren wenig Interesse daran zeigten, die Studien und Gedanken des Vertriebenen aufzunehmen. Im Zuge der von den USA ausgehenden cultural studies steigt das Interesse an den von Cassirer entwickelten Ideen auch im deutschsprachigen Raum zunehmend. Die vermehrte Aufmerksamkeit, die dabei den Schriften Cassirers zuteil wird, macht deutlich, dass er der Nachwelt zwar keine treuen Schüler und Nachfolger, wohl aber eine Unzahl von philosophisch ›in jeder Hinsicht Inspirierten‹ hinterlassen hat.

D. Frede, R. Schmücker (Hg.) Ernst Cassirer. Werk und Wirkung , Darmstadt 1997

A. Graeser, Ernst Cassirer , München 1994

H. Paetzold, Die Realität der symbolischen Formen. Die Kulturphilosophie Ernst Cassirers im Kontext , Darmstadt 1994

H. Paetzold, Ernst Cassirer – Von Marburg nach New York , Darmstadt 1995

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

» Nachfolgewerk in 4 Bänden

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt