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Prof. Dr. Günter Wohlfart

Heraklit von Ephesos

(um 540–480): Stammt aus Ephesos an der kleinasiatischen Mittelmeerküste und stand um 500 v. Chr. in der Blüte seiner Jahre. Themistokles erzählt, dass die an das Wohlleben gewöhnten Epheser einstmals berieten, was zu tun sei, um den Lebensunterhalt in der von den Persern belagerten Stadt zu sichern. »Als sie darüber alle versammelt waren, nahm ein Mann namens Heraklit Gerstengrütze, mischte sie mit Wasser und aß sie unter ihnen sitzend und dies war eine stillschweigende Lehre dem ganzen Volk.« Oft ist das Schweigen das Weiseste, was der Mensch ersinnen kann. Diogenes Laertius berichtet, dass Heraklit, als er einmal gefragt wurde, warum er schweige, erwidert haben soll: »Damit ihr plappern könnt.« Der Marktplatz, auf dem die Vielen Worte machen, taugte nicht für Heraklit. Seine Worte sind karg. Sie sind wie Felsblöcke, philosophische Brocken von lapidarer Wucht. Die auf uns gekommenen Fragmente sind hart gefügt. In der Fuge zeigt sich die Harmonie des kunstvollen Baus. Weit gefehlt, wenn Hegel im Anschluss an Aristoteles Heraklit »vernachlässigte Wortfügung und unausgebildete Sprache« unterstellt. Wie in der Sprache der Dichtung als aufgehobenem Schweigen ist bei Heraklit auf das zu achten, was er durch das Nicht-Sagen sagt. In Fragment 93 – »Der Herrscher, dem das Orakel in Delphi gehört, sagt nicht und verbirgt nicht, sondern gibt Zeichen (Winke)« – wird Apoll bezeichnet, ohne ihn zu nennen. Wie Apoll spricht Heraklit nicht aus, er sagt nicht und doch sind seine Bilder und Gleichnisse nicht nichtssagend, sondern stillschweigend beredt. Wo er trivial erscheint, ist der eine oft doppelspurige Weg seines Denkens verfehlt. Man muss genau zusehen. Das Tiefste ist an der Oberfläche versteckt: eine veränderte Betonung und die Sache steht anders. Es ist naiv, Heraklit als naiv anzusehen, wie seit Hegel immer wieder geschehen.

Schon die Alten gaben Heraklit den Beinamen ›der Dunkle‹. Cicero meint, Heraklit sei absichtlich dunkel gewesen. Hegel hält diese Meinung zu Recht für »sehr platt« und schließt sich wie Hamann der Einschätzung des Sokrates an, der, als ihm Euripides die Schrift des Heraklit zum Lesen überreichte und ihn fragte, wie er darüber denke, erwidert haben soll: »Was ich davon verstanden habe, zeugt von hohem Geist; und wie ich glaube, auch was ich nicht verstanden habe; nur bedarf es dazu eines delphischen Tauchers« – eines Tauchers wie der Delphin, das heilige Tier des delphischen Apoll, das eintaucht ins Dunkle des Meeres und auftaucht an die Sonne?

Diogenes Laertius überliefert ein Epigramm auf Heraklit: »Nicht schnell wende die Blätter des Heraklitischen Buches. / Steil und schroff ist der Pfad, den zu erklimmen es gilt. / Finsternis herrscht und düsteres Dunkel; doch führt ein Geweihter / Dich durch das Buch, so strahlt’s heller als Sonnenschein dir.« Zu den zahlreichen Klagen über die Dunkelheit des heraklitischen Stils sagt Nietzsche: »Wahrscheinlich hat nie ein Mensch heller und leuchtender geschrieben. Freilich sehr kurz, und deshalb für die lesenden Schnelläufer dunkel.« Er beruft sich auf die Bemerkung Jean Pauls: »Im Ganzen ist es recht, wenn alles Große … nur kurz und (daher) dunkel ausgesprochen wird, damit der kahle Geist es lieber für Unsinn erkläre als in seinen Leersinn übersetze. Denn die gemeinen Geister haben eine häßliche Geschicklichkeit, im tiefsten und reichsten Spruch nichts zu sehen als ihre eigne alltägliche Meinung.« Nicht zu verwechseln ist das Gegensinnige mit dem Unsinnigen, das Paradoxe mit dem Paralogischen. Heraklit lesen erfordert, es ganz genau zu nehmen. Oft steckt das Entscheidende im Detail. Vorschnelle Vergleiche, um auf die Heeresstraße der alltäglichen Meinung einzuschwenken, sind verfehlt. Etwa mit Popper zu wähnen, Heraklit stelle sich die Welt nicht als Gesamtheit der Dinge, sondern als Gesamtheit der Tatsachen vor, hieße, Heraklits Sentenzen zu einer Art ›Prototractatus‹ und Heraklit zum Vorläufer des frühen Wittgenstein zu machen. Das ist nicht die Welt Heraklits. Sein Denken ist keine ›orakelnde Philosophie‹ im schlechten Sinn, obgleich man seine Winke von alters her verglichen hat mit denen Apolls, der Herrscher des Manteion (Orakel) in Delphi ist, der nicht enthüllt und nicht verhüllt, sondern bedeutet. Mantik und Semantik, Doppelsinn und Sinn sind hier zusammengebracht. Hat Heraklit auch nicht den Tiefsinn des Wortspiels entdeckt, wie Gadamer meint – dies Verdienst kommt Homer zu –, so ist doch hier zuerst die philosophische Bedeutung des doppelsinnigen Wortes erfasst, das Sinn und Gegensinn in sich vereint. Es kann – wie Hegel treffend sagt – »dem Denken eine Freude gewähren, auf solche Wörter zu stoßen und die Vereinigung Entgegengesetzter … schon lexikalisch als Ein Wort (mit) entgegengesetzten Bedeutungen vorzufinden«. (Vgl. Fragment 48: »Nun ist der Bogen dem Namen nach Leben, in der Tat aber Tod.« (Übersetzung von B. Snell), wo Heraklit den Doppelsinn der griechischen Sprache bedenkt, die ein Wort hat für das, was – verschieden akzentuiert – sowohl ›Bogen‹ als auch ›Leben‹ bedeutet. Vernunft ist Sprache, Logos – Entsprechung im Widerspruch. Heraklits Denken ist ein Denken der Sprache, ein Nachdenken dessen, was uns die Sprache immer schon vorgedacht hat. Wäre es auch zuviel gesagt, Heraklits Denken der Sprache schon die erste Philosophie der Sprache zu nennen – wie Lassalle es tat –, so ist doch hier die Spur aufzunehmen, die zur Grundschrift des griechischen Denkens über die Sprache führt, nämlich zu dem platonischen Dialog, der nach dem Herakliteer Kratylos benannt ist. Als ein Denker, der mit der Sprache denkt, mit der Sprache mitgeht, hat Heraklit die rhythmischen Elemente des Altgriechischen in seinen Logos hineingeholt. So ist seine Nähe zur Lyrik – insbesondere zu Aischylos – denen, die ein feines Ohr haben, nicht entgangen. Die Bildlichkeit der poetischen Prosa Heraklits ist durchaus nicht gewaltsam, wie J. Burckhardt meint, vielmehr wäre sie eher gewaltig zu nennen. Häufig liegen den Fragmenten, wie zum Beispiel den Harmoniefragmenten (Vgl. zum Beispiel Fragment 8, wo vom »Zusammengehen des Widerspenstigen« die Rede ist und dabei von bestimmten Formen der Holzbearbeitung auszugehen ist) ganz konkrete Bilder zugrunde. Schon Bernays hat erkannt, dass Heraklit gerade bei seinen bildlichen Ausdrücken häufig auf Homer Bezug nimmt – eine Erkenntnis, der man hinsichtlich der für den Harmonie-Begriff entscheidenden Fragmente 8, 10, 51 und 54 bisher zu wenig Beachtung geschenkt hat. Heraklit stößt sich von Homer ab – von ihm war er angezogen. Wie in einem Palimpsest, das heißt in einer alten, von neuem beschriebenen Handschrift, erblickt man plötzlich sozusagen unter dem heraklitischen Logos die mythischen Bilder Homers. Man sieht: »Bevor gedacht wird, muss schon gedichtet worden sein« (Nietzsche). Eingedenk der Prägnanz der Sprache Heraklits wäre das hegelsche Wort »das Wahre ist konkret« das rechte Motto für die Arbeit am Heraklit-Text. Das Konkrete bei Heraklit ist das Allgemeine. Die beiden Stämme der menschlichen Erkenntnis, Sinnlichkeit und Verstand, sind in der denkenden Anschauung Heraklits noch zusammengewachsen. Erstaunlich ist Heraklits Nähe zur Lebenswelt. Heraklit war kein Metaphysiker – was ihm zum Beispiel Fränkel unterstellt hat. Bei allen Bildern Heraklits ist von einer ganz plastischen, zunächst keineswegs rätselhaften Bedeutung auszugehen. Zuerst ist daher immer wieder zu fragen: Was heißt das ganz konkret? Erst wenn man so der Sache auf den Grund gegangen ist, beginnt man die Doppelbödigkeit Heraklits zu ermessen.

Noch ein Wort zu den Schwierigkeiten beim Lesen: Das Elend der Heraklit-Interpretation ist, dass es sich bei den Fragmenten um Zitate aus einem Text handelt, dessen Kontext uns weitgehend unbekannt ist. Jedes Wort aber ist Vorwort und Nachwort. Hier ist Mut zur Mutmaßung erforderlich, aber auch Mut zur Lücke. Zu begegnen ist der faulen Vernunft, die etwas die cusanische coincidentia oppositorum als Passepartout zur Textentschlüsselung missbraucht. Zu begegnen ist auch dem schlechten Heraklitisieren derer, die noch heraklitischer – sprich tiefsinniger – sein wollen als Heraklit selbst. Die Wirkungsgeschichte Heraklits reicht in der Philosophie von Platon und Aristoteles über die Stoa bis in die Neuzeit (A) zu Nietzsche und Heidegger, die als Überwinder der Metaphysik beziehungsweise als Postmetaphysiker an den Praemetaphysiker Heraklit anknüpften und ihn vereinnahmen. »Hier sehen wir Land; es ist kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine Logik aufgenommen« – sagt schon der Herakliteer Hegel. »Von ihm ist der Anfang der Existenz der Philosophie zu datieren – es ist die bleibende Idee, welche in allen Philosophen bis auf den heutigen Tag dieselbe ist.« Als das ›Prinzip des Heraklit‹ versteht Hegel Platons Version von Fragment 51: »Das Eine von sich selbst unterschiedne, eint sich mit sich selbst.« Heraklit fasst nach Hegel das Absolute als Dialektik auf, als die Einheit Entgegengesetzter. Zwar kann von einem Absoluten bei Heraklit auch in Fragment B 108 wohl noch nicht die Rede sein, aber in der Tat kann man mit Schadewaldt sagen, dass hier die ganze künftige Dialektik schlummert.

»… die Welt braucht ewig die Wahrheit, also braucht sie ewig Heraklit«, ruft der Herakliteer Nietzsche aus. In der Auffassung, dass die Welt ein göttliches Spiel ist, und jenseits von Gut und Böse, erblickt er in Heraklit seinen Vorgänger. In dem viel umstrittenen Fragment 52 (»Das Leben ist ein spielender Knabe, ein Brettspiel spielend. Des Knaben (ist das) Königreich«) sieht Nietzsche schon zur Zeit seiner Baseler Vorlesungen »eine rein ästhetische Weltbetrachtung«. In der Tat steckt in Heraklits Fragmenten die erste Philosophie des Schönen im Abendland – was bisher nur wenig beachtet wurde. Mag Nietzsches Heraklit-Porträt auch stellenweise zum Selbstporträt missraten sein: Durch seine Wiedergewinnung des antiken Bodens, insbesondere durch seinen Rückgang zu Heraklit, hat Nietzsche den Anlauf genommen, der zur Erreichung der postmodernen Spitze der Modernität in Sachen Ästhetik heute nötig ist. Vor Nietzsche erkannte wohl sein Lieblingsdichter aus der Jugendzeit, Hölderlin, die zentrale Bedeutung des Schönen für Heraklit, den großen Anfänger der Philosophie. Wie Hegel von Platons Überlieferung des Fragments 51 ausgehend, sagt Hölderlin in seinem Hyperion : »Das große Wort, … (das Eine in sich selber unterschiedne) des Heraklit, das konnte nur ein Grieche finden, denn es ist das Wesen der Schönheit, und ehe das gefunden war, gab’s keine Philosophie.«

Heraklit-Fragmente, Griechisch und Deutsch , hg. v. B. Snell, 8. Aufl. München / Zürich 1983

G. S. Kirki, J. E. Raven, The Presocratic Philosophers , Cambridge 1957

M. Marcovich, Heraclitus, Greek Text with a Short Commentary , Editio Maior, Merida 1967

Ch. H. Kahn, The Art and Thought of Heraclitus , Cambridge 1979

J. Ballack, H. Wismann, Héraclite ou la séparation , Paris 1972

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Handwörterbuch Philosophie

hg. v. Wulff D. Rehfus
Mit Beiträgen von 54 Autoren
1. Aufl. 2003, 736 S., vergriffen

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Quelle: Online-Wörterbuch Erwachsenenbildung. Basierend auf: Wörterbuch Erwachsenenbildung. Hg. v. Rolf Arnold, Sigrid Nolda, Ekkehard Nuissl. 2., überarb. Aufl., Verlag Julius Klinkhardt / UTB. ISBN 978-3-8252-8425-1. © 2010 Julius Klinkhardt